Heimweh und Fernweh
Samstag, 6. März 2010
Ich genieße es, in zwei Städten, auf zwei Kontinenten und in zwei sehr verschiedenen Kulturen zu Hause zu sein. Wenn ich an einem Ort bin, vermisse ich immer ein klein wenig den anderen. So freue ich mich jetzt, wieder nach Konstanz zu kommen. In drei Tagen geht es erst nach Bangkok und zwei Tage später nach Deutschland. Ich freue ich mich auf das Gespräch mit den Konstanzer Freunden und Bekannten, auf einen Spaziergang am See, auf das beste Eis nördlich der Alpen im Café Aran und den Wochenmarkt in Überlingen. Ich freue mich auf einen Cocktail auf der Dachterrasse und ein Glas Wein am Abend, das wir uns bei den astronomischen Preisen für unterirdischen Wein auf Bali verkneifen.
Bei all der Vorfreude weiß ich schon jetzt: Spätestens, wenn in ein paar Monaten der See im Herbstnebel versinkt, werde ich Sehnsucht nach Bali bekommen. Dann werde ich mich wieder freuen auf die Freunde hier, auf Fahrten durch Reisfelder und die winkenden Kinder in den Dörfern, auf lange Abende auf dem Deck über dem Meer bei Ida und Jörg, auf die beste balinesische Ente bei Ibu Bubu und einen herausragend guten Espresso bei „Pizza Bagus“. Was bin ich doch für ein Glückspilz, an zwei so wunderbaren Orten leben zu können. Das bisschen Heim- und Fernweh nehme ich gerne in Kauf.
Von der Disziplin beim Schreiben
Montag, 1. März 2010
Der Roman entwickelt sich, ich bekomme mehr und mehr ein Gefühl für meine Figuren. Langsam wächst das Vertrauen, dass es mir gelingen könnte, die Geschichte so aufzuschreiben, wie ich sie im Kopf habe. Nicht an der Oberfläche der bloßen Handlung zu bleiben, sondern die Motive dahinter adäquat zu beschreiben. Den Intentionen der Figuren nachzuspüren, Ängste, Hoffnungen, Wünsche begreiflich zu machen. Dem Leser die Sicherheit zu vermitteln: So hätte sich diese Geschichte tatsächlich zutragen können im Sommer 1941.
Abends war ich müde und erschöpft. Ich wollte nur noch im Sessel sitzen, den Grillen zuhören, ein paar Sätze lesen, früh schlafen gehen. Ich war unsozial, ich weiß. Aber ich war zufrieden.
Und dann war gestern plötzlich alles vorbei. Wie abgerissen. Ich setzte mich wie jeden Morgen an den Computer, überarbeitete das am Tag zuvor geschriebene Kapitel und schrieb den ersten Satz des neuen. Löschte ihn wieder. Begann von neuem. War unzufrieden. Da floss nichts. Nur Gestammel. Ich stand auf und kochte mir einen Kaffee. Schaute den Handwerkern auf der anderen Straßenseite zu, die Fensterrahmen zusammennagelten. Setzte mich erneut an den Computer und wusste: So wird das nichts.
Was tun? Zu Hause in Deutschland hätte ich jetzt vielleicht einen Schreibratgeber aus dem Regal gezogen. Obwohl: Hatte ich die nicht alle vor längerer Zeit entsorgt? An einige Ratschläge erinnerte ich mich. Wenn man eine Schreibblockade hätte .... Angst kroch in mir hoch. Schreibblockade? Davon hatte ich so oft gelesen, es selbst aber nie erlebt. Selbstverständlich lief es nicht jederzeit so rund, wie in den letzten Tagen. Nicht immer gab es diesen wunderbaren Schreibfluss. Oft genug war es mühsam. Arbeit eben. Aber stets ging es irgendwie weiter. Sollte das jetzt anders sein? Ich verdrängte diesen Gedanken und konzentrierte mich auf das, was in einschlägigen Büchern in solchen Fällen geraten wurde. Man sollte etwas ganz anderes tun. Bloß nicht schreiben. Stattdessen spazieren gehen. Den Kopf freibekommen. Gut, das alles könnte ich tun. Heute, vielleicht auch noch morgen. Aber spätestens übermorgen musste ich wieder am Text arbeiten. Genau: Arbeit war das Stichwort und deswegen hatten mich auch die Schreibratgeber so gelangweilt.
Schreiben ist nicht nur meine Berufung, sondern in erster Linie mein Beruf. Ich verdiene mein Geld, indem ich Texte verfasse. Ich kann es mir nicht leisten, mich in jedes kreative Loch fallen zu lassen, das sich vor mir auftut. Ich muss die Disziplin aufbringen, es zu überspringen. Und von Disziplin hatte ich in diesen Büchern wenig gelesen. Von der Mühe, die es macht, einen Text zu schreiben. Von der Notwendigkeit, einfach weiter zu machen, trotz Frustration im Geist und Schmerzen im Nacken. Vom inneren Schweinehund, der einem jeden morgen einflüsterte: „Heute nicht. Die Sonne scheint. Draußen ist es wunderbar. Geh spazieren. Hol dir jetzt neue Inspirationen, dann läuft morgen alles wie von selbst.“
Das Einzige, was von selbst käme, wäre mein finanzieller Ruin.
Ich bin gestern nicht spazieren gegangen, habe nicht die Natur genossen und mich nicht um irgendetwas ganz anderes gekümmert. Ich habe den Handwerkern zugewinkt, meinen Kaffee genommen und mich an den Schreibtisch gesetzt. Wie hatte Hans, der Bildhauer, mit dem ich vor ein paar Monaten einige wunderbare, anregende Stunden im Zug verbrachte, so schön gesagt: „Ich muss mir, wenn ich morgens das Atelier betrete, zuallererst den Kittel anziehen, sonst wird das nichts mit der Kreativität und ich bin am Ende des Tages unzufrieden, weil ich nichts geleistet habe.“
Ich zog mir also einen imaginären Kittel an und rief die erste Seite meines Textes auf, nahm mir die Anfangskapitel vor und feilte an ihnen. Dabei kamen mir neue Gedanken zu Figuren und Handlungssträngen oder bekannte Überlegungen erschienen plötzlich in einem neuen Licht. Am Ende des gestrigen Tages hatte ich sogar ein paar neue Absätze geschrieben. Nicht so viel, wie an den Tagen zuvor, aber es ging weiter. Weil es weiter gehen muss.
Candlelightdinner
Mittwoch, 24. Februar 2010
Auch gestern abend gab es wieder einen Blackout. Pünktlich um sieben Uhr, kurz bevor unser Abendessen geliefert wurde. Wir hatten „Bebek betutu“ bestellt, eine Spezialität, die in unserem Dorf von einer darauf spezialisierten Familie besonders köstlich zubereitet wird. Dazu wird eine ganze Ente mit einem Arsenal bekannter und unbekannter Kräuter gefüllt, in Bananenblätter gewickelt und dann einen ganzen Tag lang im Ofen langsam gegart. Zusammen mit Lawar, einem scharfen Gemüse und Reis - eine Köstlichkeit! Was machte es da schon, dass der Strom ausgefallen war. In feinen Restaurants zahlt man viel Geld für ein romantisches Essen bei Kerzenschein. Bald merkten wir, dass es nicht so leicht ist, eine Ente bei Dämmerlicht zu tranchieren. Romantik hin oder her, wir brauchten eine andere Lösung - und fanden sie. Jogging-Stirnlampen lieferten helles Licht und wir ließen uns das Essen schmecken.
Ach ja: Ich musste meiner Frau versprechen, kein Wort darüber zu verlieren, wie - gelinde gesagt - unfestlich wir aussahen. Und die Fotos bekommt auch niemand zu sehen.
Balinesischer Arbeitstag
Freitag, 19. Februar 2010
Ein Ort zu leben
Sonntag, 14. Februar 2010
Leben braucht Bewegung. Gedanklich und räumlich. Wahrscheinlich hat der Dalai Lama recht, wenn er lehrt, dass es für ein glückliches Leben ratsam sei, jedes Jahr mindestens einen noch unbekannten Ort aufzusuchen. Ich folge diesem Rat gerne und bin ein begeisterter Vielreisender - nicht zuletzt, weil nur der Reisende die Chance hat, jene Orte auf der Welt zu finden, an denen er sich besonders wohl fühlt. Orte, die man Heimat nennen mag. Orte, an denen man ganz bei sich sein kann oder Orte, geradezu geschaffen dafür, mit besonderen Menschen zusammenzutreffen und zu kommunizieren. Ich bin sicher, dass es für jedermann solche Plätze gibt, aber wer sich niemals bewegt, wird sie nicht entdecken.
An einem dieser Plätze durfte ich gerade drei Tage verbringen. Dabei mag dem eilig Vorbeifahrenden Idas Homestay im balinesischen Candi Dasa zunächst unscheinbar erscheinen. Wer aber durch das Tor tritt, wird sich verwundert die Augen reiben. Es ist wie eine Zeitreise in die gute, alte Balizeit, als noch nicht jeder schöne Fleck dem schnellen Geld geopfert und damit meistens verschandelt wurde. Auf einem großen, mit Kokospalmen bestandenen Grundstück stehen lediglich fünf aus Naturmaterialien gebaute Bungalows. Hier hat man noch Platz zum Atmen und der Blick schweift ungehindert direkt vom Balkon zum Meer. Dank der offenen Bauweise streicht der Wind nachts über das Bett und bringt angenehme Kühle.

Idas Homestay ist einfach. Es gibt keine Klimaanlage, keine modernen Designermöbel und kein warmes Wasser. Idas Homestay ist eben ein preiswertes Bed and Breakfast. Die meisten Gäste, die hier ein paar Tage oder auch einen oder zwei Monate verbringen, könnten sich durchaus eine luxuriösere und teurere Herberge leisten. Sie kommen, weil sie wie wir den Platz lieben und die Menschen, die hier für immer oder für kurze Zeit miteinander leben.
Zwei aufs Meer hinausgebaute Decks mit Schatten spendenden Pavillons sind der ideale Ort, um zu lesen oder einfach zu träumen. Am einem langen Tisch haben alle Gäste Platz. Hier wird gegessen, gefeiert, getrunken, gelacht und geredet. Hier wird aus lokalem Arrak, einer Mango und ein paar Mangosteen mal eben ein neuer Cocktail kreiert. Hier bekommt ein Gast, dessen Freundin soeben in die Bretagne abreisen musste, einen Crashkurs in Sachen Internettelefonie, damit der Trennungsschmerz erträglich bleibt.

Und hier redet man mit den Menschen, die in ganz besonderer Weise die Atmosphäre dieses Ortes bestimmen. Da ist zunächst die Balinesin Ida, Namensgeberin und Patronin der Anlage. Stundenlang kann man ihr zuhören, wenn sie in ihrem schwäbisch eingefärbten Deutsch von ihrer Heimat erzählt oder ihren Erlebnissen an all ihren Wohnorten rund um den Globus. Und das ist natürlich ihr Mann Jörg, der wie ein Bilderbuchschwabe beim Daimler geschafft hat - nur eben nicht in Untertürkheim, sondern in New York und Jakarta. Seit 40 Jahren ist Bali zumindest eine - inzwischen vielleicht seine bevorzugte „Heimat“. Er liebt die Menschen in Indonesien und wer mit ihm redet, merkt nach kurzer Zeit, dass ihn vor allem der Wunsch umtreibt, ihre Mentalität zu ergründen. Obwohl er länger hier lebt, als der durchschnittliche Indonesier alt ist, wird er nie behaupten, dieses Land, seine Kultur, seine sozialen Strukturen und seine Geschichte genau zu kennen. Im Gegenteil: Er ist in dieser Beziehung so neugierig, als hätte er gerade erst seinen Fuß auf diese Insel gesetzt. Das hebt ihn wohltuend ab von vielen anderen, lange hier lebenden Ausländern, die alles zu kennen und zu wissen glauben und die oft regelrecht gelangweilt wirken, weil sie alles schon gesehen haben. An kaum einem anderen Platz kann man mehr über Indonesien erfahren als hier und so ganz nebenbei auch noch lernen, was Eisenholz ist oder wie ein klassisches, javanesisches Haus gebaut wird.
Wir lieben diesen Platz und sind dankbar, ihn gefunden zu haben. Ein Baliaufenthalt ohne Besuch bei Ida und Jörg wäre nicht vollständig. In diesem Sinne: Sampai jumpa lagi!
Groschenroman
Mittwoch, 10. Februar 2010
Rudolph schreibt Herzschmerzgeschichten, basierend auf fiktiven, aber gut recherchierten Reisen an den Nordpol, in den Himalaya oder nach Afrika.
Interessanter als seine Werke ist seine eigene Biografie. 1893 als Kind einer dänischen Mutter und eines schwedischen Vaters in Köln-Nippes geboren, arbeitet er bis zum 1. Weltkrieg als Bergmann im Ruhrgebiet. Im Krieg kommt er 1915 an die Ostfront und gerät in russische Kriegsgefangenschaft, flieht aus einem Lager bei Irkutsk und landet schließlich auf Vermittlung von Elsa Brändström in einem dänischen Internierungslager. Es folgt eine kurze Zeit als Freikorpskämpfer, eher er wieder Hauer im Ruhrpott wird. Es folgen Gelegenheitsjobs, darunter auch journalistische Arbeiten und eine Ehe, die scheitert. Zu Beginn der 30-iger Jahre landet Rudolph ganz unten auf der sozialen Leiter, sitzt wegen Lappalien immer wieder für kurze Zeit im Gefängnis und lebt zuletzt in einem Obdachlosenasyl in Bochum. Und dann geschieht das Wunder: Mit einem Exposee für einen Tonfilm erreicht er den vierten Platz eines Wettbewerbs der UFA, die ihm ein Stellenangebot macht. Er zieht nach Berlin, arbeitet als Hilfsdramaturg und findet einen Verlag für seinen ersten Roman. Rudolph arbeitet wie im Rausch, schreibt Manuskript auf Manuskript. Er hat es geschafft. Er verdient gut und auch privat macht er sein Glück mit seiner späteren Frau Gertrud, mit der er in das Dorf Semlin im Havelland zieht.
Doch so schnell, wie es bergauf ging, droht alles zu Ende zu sein. Rudolph war dem Propagandaministerium suspekt, seine Bücher mit ihren exotischen Themen passten nicht in die vorgegebene Linie der Unterhaltungsliteratur. 1939 wird er aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen, was praktisch ein Berufsverbot bedeutete. Mit Hilfe seines Freundes, des Afrika-Sachbuchautors Hermann Freyberg hält er sich über Wasser. Freyberg veröffentlicht einige von Rudolphs Romanen unter seinem eigenen Namen. Durch Denunziation einer enttäuschten Geliebten, der Tochter des Semliner Ortsgruppenleiters, gelangt ein Brief von Rudolph, in dem er aus seiner Kritik und Verachtung des Regimes keinen Hehl macht, in die Hände der Gestapo. Am 18. Juli 1944 stehen Axel Rudolph und seine Frau vor dem Volksgerichtshof von Roland Freisler. Während Gertrud Rudolph zu einer Haftstrafe verurteilt wird, verhängt Freisler gegen ihren Mann das Todesurteil. Am 30. Oktober stirbt er unter dem Fallbeil im Zuchthaus Brandenburg-Görden.
Was für ein Leben! Wie aus einem seiner Romane! Und so betitelt Martin Keune seine Biografie des unbekannten Bestsellerautors auch „Groschenroman“. Wobei es sich nicht um eine klassische Biografie, sondern mehr um einen biografischen Roman handelt. Gerade deshalb empfehle ich ihn allen Biografinnen und Biografen - und nicht nur denen! - Zur Lektüre. Dabei ist die Geschichte penibel recherchiert, wie der umfangreiche Anmerkungsapparat zeigt.
Martin Keune gelingt mit „Groschenroman“ das, was wir in unseren Auftragsbiografien von Privatpersonen immer postulieren: Die „kleine“ Geschichte als Spiegel der Großen zu nutzen. Er liefert tatsächlich ein facettenreiches Zeitporträt, lässt einen teilhaben an seinem Wissen über den Unterhaltungsliteraturbetrieb der dreißiger Jahre und bringt den Leser oft zum Staunen, wenn er die Überlebensstrategien eine Boheme in der Diktatur beschreibt.
Am meisten hat mich fasziniert, wie es dem Autor gelingt, eine Überhöhung seines Protagonisten zu verhindern. Die Gefahr besteht ja durchaus. Rudolph ist ein Opfer des Faschismus. Also auch ein Held? Eher ein Filou, ein Hasardeur, ein Lebens- und Überlebenskünstler. Und ein Opfer, das Respekt verdient.
Martin Keune:
Groschenroman. Das aufregende Leben des Erfolgsschriftstellers Axel Rudolph
be.bra-Verlag, Berlin 2009
304 Seiten, 19,90 Euro
Eine Zensur findet nicht statt
Montag, 8. Februar 2010
Wie gesagt: Jeder Autor hat das schon erlebt. Deshalb gibt es vermutlich auch hunderte Ratschläge, wie man es schafft, seine Ideen und Formulierungen zunächst am Zensor im Kopf vorbeizuschleusen. Ich kenne nur wenige dieser Vorschläge, weil ich keine Schreibakademien besucht und zwar viele Schreibratgeberbücher begonnen, aber nur wenig bis zur letzten Seite gelesen habe. Deshalb schildere ich hier meine persönliche Methode, das Problem zu umschiffen.
Bei jedem größeren Projekt versuche ich zunächst, die tragende Idee in möglichst einem Satz zu formulieren. Zugegeben: Manchmal werden es zwei oder drei Sätze, mehr sollten es aber nicht sein. In diesem Satz finden sich die zentrale Idee, der Konflikt und die Gegenspieler.
Folgte man dem klassischen Ablauf, käme jetzt das Exposee. Hier gehe ich aber anders vor und schreibe zunächst ein Treatment. Zumindest nenne ich es so, weil es der Definition relativ nahe kommt. Im Grunde genommen schreibe ich die komplette Geschichte, allerdings ohne jede einzelne Szene und jeden Dialog auszuformulieren. Lediglich der Inhalt jeder Szene wird festgehalten. Außerdem beschreibe ich die Stimmungen und Emotionen. Das sieht dann etwa so aus:
„A und B treffen sich in A‘s Stammkneipe. Der Gastraum ist voll. Trotz des seit Monaten geltenden Rauchverbots hängt der kleine Schankraum voller Nikotindunst. B`s Augen schmerzen. Ein spontaner Impuls rät ihm, wieder zu gehen. Aber er will A zur Rede stellen. Also geht er auf die Toilette, um seine Kontaktlinsen zu entfernen. A betritt die Toilette. Dialog: B wirft A vor, ein Verhältnis mit seiner Freundin zu haben. A bestreitet das heftig. Es kommt zu einer Auseinandersetzung, in deren Verlauf A gewalttätig wird. Durch seine Sehschwäche behindert, hat B keine Chance ....“
Ich denke, jeder kann sich das vorstellen. Entscheidend für mich ist: Dieses Treatment wird nie jemand zu Gesicht bekommen. Ich schreibe es ausschließlich für mich. Es braucht also auch keinen Zensor, der mir ständig einflüstert, dass man dieses oder jenes so nun wirklich nicht formulieren könne. Stilistische Schwächen oder orthografische Fehler interessieren mich nicht.
In dieser Phase des Schreibprozesses darf ich alles schreiben. Ich sollte es sogar. Also setzte ich mich an den Computer und bringe virtuell zu Papier, was mir in den Sinn kommt. Meldet sich der innere Kritiker, sage ich: „Sei still. Du bist jetzt nicht gefragt. Deine Zeit kommt später!“ Das funktioniert vermutlich deshalb erstaunlich gut, weil ich weiß, dass der Text nur das Fundament ist, auf den ich später aufbaue. Dann wird es noch genug Gelegenheiten, jede einzelne Idee und jeden Satz kritisch zu hinterfragen.
Bei meinem aktuellen Romanprojekt ist das Treatment inzwischen fertig. Es hat einen Umfang von 110 Seiten, was erfahrungsgemäß etwa einem Drittel der späteren Endfassung entspricht. Auch die auf dem Klemmbrett meines „Papyrus Autor“ - ein spezielles Schreibprogramm für Autoren, ohne dass ich mir meine Arbeit nicht mehr vorstellen kann - während des Schreibens abgelegten Notizzettel mit offenen Fragen, habe ich inzwischen abgearbeitet. Das bedeutete einen erneuten Einstieg in die Recherche ein, um Antworten zu suchen und in das Treatment einzuarbeiten.
Diese Vorgehensweise gibt mir erst die Freiheit, mit dem Schreiben eines Manuskripts zu beginnen. Jetzt erst bin ich sicher, dass meine Idee einen ganzen Roman trägt und ich kenne die Entwicklung von Geschichten und Charakteren schon sehr detailliert. Nun kann ich mich auf den Text konzentrieren, ohne ständig von Zweifeln über Plot oder Figurenentwicklung behindert zu werden.
Bevor ich allerdings damit beginne, gehe ich nochmals einen Schritt zurück und schreibe ein Exposee. Die ganze Geschichte auf zwei Seiten zusammenzufassen, zwingt mich, alle wesentlichen Handlungsstränge zu komprimieren und die Charaktere klar zu beschreiben. Sollte mir das nicht gelingen, ist es ein eindeutiges Indiz für Unstimmigkeiten im Plot oder in der Charakterentwicklung, an denen ich unbedingt arbeiten sollte. In dieser Phase befindet ich mich gerade. Spätestens übermorgen hoffe ich das Exposee fertig zu haben. Dann werde ich mir zwei oder drei Tage Pause gönnen, besuche Freunde am Meer. Abschalten, über andere Dinge reden, möglichst nicht an die Geschichte denken. Kraft tanken für den Schreibmarathon, der folgt, denn vor mir liegen mehrere Wochen, in denen ich täglich acht und mehr Stunden konzentriert und wenn ich Glück habe wie im Rausch schreiben werde.
Mehr als nur Tapetenwechsel
Mittwoch, 3. Februar 2010
Meine Frau und ich kommen seit nunmehr 20 Jahren regelmäßig nach Bali. Wohin auch immer uns unsere zahlreichen Reisen in Asien führten, ein kurzer Abstecher auf die „Insel der Götter“ musste fast immer sein. Die besondere Faszination dieses kleinen Eilands mit seiner weltweit einzigartigen Kultur ist schwer zu erklären. Sie lässt sich nur erleben und ich kenne niemanden, der sich dem Zauber entziehen kann. Wir schauten bald auch hinter die glänzenden Fassaden und Kulissen, erlebten balinesische Wirklichkeit jenseits der touristischen Hochglanzprospekte. Wir begannen, indonesisch zu lernen. Wir bemühten uns, das schier undurchdringliche Dickicht indonesischer Politik zu verstehen und lernten mehr und mehr über die Verwerfungen und Konflikte in der balinesischen Gesellschaft, die wir immer noch nur ansatzweise verstehen. Die Realität entzaubert manches und doch: An keinem anderen Ort fühlen wir uns so daheim.
Sicherlich liegt das auch an der Kleinstadt Ubud, die seit einigen Jahren unsere Winterheimat ist. Ubud wurde gerade von einer amerikanischen Reisezeitschrift zur „best city of Asia“ gekürt, was angesichts der Tatsache, dass sie mit ihren 8000 Einwohner die pulsierenden Metropolen Bangkok und Hongkong auf die Plätze verwies, seltsam anmuten mag. Wer hier länger lebt, versteht das besser. Ubud trägt wegen seiner Internationalität und der offenen Atmosphäre nicht unwesentlich zu der oben erwähnten Horizonterweiterung bei. In Ubud, dem Kulturzentrum Balis, leben und arbeiten Menschen aus vielen Ländern aller Kontinente. Natürlich prägen wie überall auf der Insel auch Touristen das Bild und meistens ist das eher schrecklich. Zum Glück sind die meisten nur Tagesausflügler und abends haben die „Locals“ und die „Expats“ die Stadt für sich - zumindest jetzt in der Nebensaison. Wer offen ist und bereit, sich auf andere Menschen einzulassen, kann wunderbare Begegnungen haben.
Ein Beispiel: Vor ein paar Tagen trafen wir uns in bunter Runde zum Dinner: eine Schweizerin, ein US-Amerikaner, eine Holländerin, ein Australier und wir zwei Deutsche. Es war ein sehr schöner Abend mit erstklassigem Essen (Ubud ist auf jeden Fall die kulinarische Hauptstadt Balis) und einer anregenden Unterhaltung. Fremde Perspektiven kennenzulernen, den eigenen, so sicher geglaubten Standpunkt zu verlassen, sich nicht nur räumlich, sondern auch intellektuell zu bewegen - nichts macht den eigenen Horizont weiter. In unserem „Winter in Ubud“ bieten sich dazu immer wieder Gelegenheiten. Irgendwann im März kommen wir zurück nach Deutschland. Hoffentlich in den Frühling. Auf jeden Fall aber unendlich bereichert.
Nicht nur für Frauen
Samstag, 30. Januar 2010
Der Genuss wird allerdings stark durch eine holprige und schludrige Übersetzung beeinträchtigt, was sogar auffällt, wenn man nur die deutsche Ausgabe liest. Wer kann, sollte also zum englischen Original greifen: Jane Juska: A round-heeled woman: My late-life adventures in sex and romance. Wer die deutsche Ausgabe lesen möchte, sollte sich beeilen. Sie wird aktuell als Restposten bei Amazon verramscht.
Die Lust zu plotten
Donnerstag, 28. Januar 2010
In den vergangenen zwei Wochen habe ich den Plot des Romans entwickelt. Wobei der Begriff Plot zu kurz greift. Um mit dem eigentlichen Schreiben beginnen zu können, vor allem um es auch zu einem befriedigenden Ergebnis zu bringen, brauche ich mehr als nur ein grobes Gerüst einer Geschichte. Nachdem ich den Inhalt in einem erweiterten Exposee skizziert habe, erstelle ich einen genauen Szenenplan. Dabei wird jede einzelne Szene detailliert geplant. Lokalitäten, Figuren, Geschehen. Es ist also mehr ein umfangreiches Storybook, denn ein einfacher Plot. Bevor ich mit dem eigentlichen Schreiben beginne, brauche ich absolute Sicherheit, was die Charakterisierung der Figuren und ihr Handeln angeht. Nur das gibt mir die Freiheit, mich nur noch auf den Prozess des Formulierens zu fokussieren. Nur dann gerate ich vielleicht in diesen wunderbaren Zustand, in dem die Sprache förmlich aus einem herausfließt.
Ich liebe diese Phase des Plottens übrigens ganz besonders. Hier entsteht alles: die einzelnen Handlungsstränge und ihre Verflechtungen, die Charaktere der agierenden Personen, die Stimmung und der Spannungsbogen, der den Leser hoffentlich in seinen Bann zieht. In dieser Zeit ist man als Autor tatsächlich der Erschaffer einer Welt. Man hält alle Fäden in der Hand, ist der absolute Herr der Geschichte. Ich kann nicht verstehen, wenn manche Autoren sich darüber beklagen - oder damit kokettieren? -, dass die von ihnen entworfenen Charaktere plötzlich so etwas wie Eigeninitiative entwickelten und begännen, die Geschichte in eine andere Richtung zu drängen. Meine Figuren tun das nicht. Sie existieren ja auch nur in meiner Fantasie, sind Produkte meines Geistes. Alles, was sie tun oder denken, habe ich mir ausgedacht. Solange ich an ihnen arbeite, haben sie kein Eigenleben - allenfalls werden sie es später, im Kopf eines Leser entwickeln. Wobei es ja auch dann nur der Fantasie in diesem Fall des Rezipienten entspringt.
Das heißt natürlich nicht, dass es im Laufe der Entwicklung einer Geschichte nicht zu Veränderungen bei Charakteren kommt. Natürlich kann es sich erweisen, dass bestimmte Charaktereigenschaften einer Figur nicht mit seinen Handlungen übereinstimmen. Dann ändere ich das. Ich! Nicht die Figur selbst! Sie hat mir das auch nicht in einem unserer nächtlichen Zwiegespräche eingeflüstert. Ich genieße es geradezu, mit unterschiedlichen, oft gegensätzlichen Haltungen und Einstellungsmustern meiner Protagonisten zu spielen. „Was wäre wenn ....“ Gerade hierin liegt doch der besondere Reiz kreativen Schreibens. Da lasse ich mir doch von niemandem reinreden. Auch nicht von meinem Lieblingscharakter!
Vielleicht liegt es daran, dass mir bei meiner Tätigkeit als Privatbiograf immer ein Auftraggeber im Nacken sitzt, der die Richtung der Geschichte vorgibt. Beim Schreiben eines Romans bin ich der Herr des Geschehens. Ohne Ausnahme!
Was die Veröffentlichungsmöglichkeit dieses Romans angeht und nur für den Fall, dass hier ein Verleger/eine Verlegerin mitlesen sollte: Wenn man den Gerüchten glauben kann, müsste es diesmal eigentlich klappen. Wie die meisten „veröffentlichten“ Autoren habe ich zwei vollendete Manuskripte in der Schublade. Bei beiden bin ich heute froh, dass sie damals niemand herausbringen wollte. Auch das sagen fast alle Schriftsteller, deren Werke heute in den Buchhandlungen liegen. Also, liebe Verleger, das ist eure Chance ...
Entgiftung
Freitag, 22. Januar 2010
Was an mir zwei Monate vollständig vorbeigeht, ist der ständige Strom völlig unwichtiger Nachrichten. Das Geschwätz der Politiker, das Geschnatter all der wichtigen, weil Meinung machenden Menschen, die hohlen Kommentare vermeintlicher Geistesgrößen.
Zwei Monate habe ich viel Zeit. Zeit zu lesen zum Beispiel. Wunderbare Bücher wie „Jugendroman“ von Gerhard Henschel oder „Groschenroman“ von Martin Keune (darüber bald mehr).
Und ich gewinne die für das Schreiben so wichtige Klarheit in den Gedanken. In Deutschland gelingt es mir nie, mich so auf meine Arbeit zu fokussieren wie hier. Das liegt nicht nur an der fehlenden Ablenkung durch die ständigen Zwischenrufe von Medien, sondern vor allem an der Entgiftung meiner Gedanken von all dem Müll, an den ich sie sonst verschwende.
Übrigens: Wenn ich in ein paar Wochen wieder in Deutschland bin und das erste Mal die Tagesschau sehe, wird es mir vorkommen, als hätte ich den Fernseher erst abends zuvor nach den Tagesthemen ausgemacht. Ich werde allen Meldungen mühelos folgen können, denn wie den vergangenen Jahren, wird auch diesen zwei Monaten nichts Gravierendes passiert sein, dass die Welt- oder nur die Nachrichtenlage dramatisch verändert hätte.
Ich werde nichts verpasst haben. Manchmal erschrecke ich vor allem darüber, dass mir das nur so wenige Menschen glauben.
Besser lesen
Freitag, 15. Januar 2010
Wie jeder Vielleser empfehle ich Freunden Bücher, die mir gefallen haben. Manchmal schreibe ich darüber auch in diesem Blog. Meine Literaturempfehlungen sind weit davon entfernt, fundierte Rezensionen zu sein. Ich bin kein Literaturkritiker und das nicht nur deshalb, weil ich grundsätzlich nur Bücher zur Lektüre vorschlage und keine Verrisse abliefere. Die Literaturkritik ist ein eigenes Genre, das ich nicht beherrsche.
Kurz vor meiner Abreise nach Bali fragte eine Kollegin, ob ich bereit wäre, einer der Testleser ihres neuen Romans zu sein. Ich sagte gerne zu, obwohl der Verlag drängelt und das Manuskript bis Ende Januar eingereicht werden muss. Ich war noch niemals Testleser und freute mich auf diese Erfahrung.
So sitze ich jetzt in Ubud im Bali Buddha Café in einer möglichst ruhigen Ecke unter einem Ventilator und lese. Wenn ich leise meine Kommentare in das Diktiergerät spreche, ziehe ich die neugierigen Blicke der anderen Gäste auf mich. Ich bin etwa bei der Hälfte des Manuskripts angekommen und mache eine interessante Erfahrung. Ich lese anders als gewöhnlich. Normalerweise bin ich ein schneller Leser. Mich interessieren der Plot und die Art, wie er erzählt wird. Wenn mich ein Buch fesselt, übersehe ich gerne mal das eine oder andere Detail. Das macht nichts, denn Bücher, die mich bei der ersten Lektüre fasziniert haben, nehme ich auch noch ein zweites oder drittes Mal zur Hand. Dann gibt es wenigstens immer noch etwas Neues zu entdecken.
Seit ich mit dem Testlesen begonnen habe, lässt mich ein anderer Gedanke nicht los. Ich kann - zumindest theoretisch - auf das endgültige Werk Einfluss nehmen. Das ist eine völlig neue Situation. Bisher habe ich allenfalls dem Autor einige neue Leser gebracht. Jetzt erwartet die Autorin Hinweise auf Unstimmigkeiten, Löcher im Plot, ungenaue Charakterisierungen ... Alleine diese Fragen schärfen meine Sinne. Ich achte auf Details und merke, wie mir die Romanfiguren viel näher kommen, als bei „normaler“ Lektüre. Vielleicht ist es eine gute Idee, sich bei jedem Buch vorzustellen, man sei der Testleser des Autors, der wichtige Hinweise erwartet, bevor er das Manuskript endgültig beim Verlag abgibt. Ich würde dann weniger, weil langsamer lesen. Aber vielleicht mit mehr Genuss. Außerdem würden meine Buchempfehlungen genauer.
Ist das Jahr eigentlich noch jung genug für Vorsätze?
Tempo ohne Hast
Montag, 11. Januar 2010
Sind die Rolltreppen ein Abbild der allgemeinen Entwicklung? Ist es nicht so, dass Asien Europa auf immer mehr Feldern abhängt? Im ökonomischen Sektor ohnehin. Vielleicht aber auch bald auf kulturellem Gebiet. An Pianisten, Geiger und Sänger aus dem Fernen Osten haben wir uns längst gewöhnt. Inzwischen engagieren asiatische Städteplaner höchstens aus Prestigegründen europäische oder amerikanische Architekten - bald wird auch das der Vergangenheit angehören. Nur asiatische Literatur fristet in Europa noch ein Schattendasein. Zu fremd ist uns die dort beschriebene Lebenswirklichkeit. Dafür finden Bollywoodschinken längst ihr Publikum außerhalb Indiens.
Andererseits könnte Bangkok auch ein Synonym für Stillstand sein - zumindest was den Individualverkehr angeht. In der Rushhour ist die ganze Stadt ein einziger, gigantischer Parkplatz. Dafür sind die neuen öffentlichen Verkehrsmittel, die vor zehn Jahren noch fast leer und gespenstig über Stelzen und durch Tunnel glitten heute pickepacke voll. Ständig wird das Netz durch neue Strecken erweitert. Asiaten haben nicht nur flotte Rolltreppen, sie lernen auch schnell.
Bei aller Geschwindigkeit beeindruckt am meisten die Gelassenheit. Man bewegt sich zügig, aber nicht hektisch. Bei allem Tempo gibt es keine Hast. Nirgendwo wird auf der Straße so viel geredet und kommuniziert wie auf den Bürgersteigen asiatischer Metropolen. In Bangkok wird außerdem noch viel gelacht und gegessen. Ein Thai isst entweder gerade oder er redet darüber, was er als nächste essen wird. Vielleicht ist diese Besonnenheit und fast kontemplative innere Ruhe das größte, menschliche Pfund, mit dem Asien wuchern kann. Dann wäre es auch zu unserem Nutzen.
Von der Freiheit des Feelancers
Dienstag, 5. Januar 2010
Jetzt sorgen sich wieder viele Leute um mich. Wie jedes Jahr Anfang Januar, wenn ich die Koffer packe. Dabei beunruhigt sie weniger, dass ich kaum Kleidung sondern vor allem Bücher einpacke, die zudem als Urlaubslektüre so völlig unpassend zu sein scheinen. Nein, es geht um die Tatsache an sich. Niemand kann sich anscheinend vorstellen, dass man als freier Autor zwei Monate im Ausland leben kann, ohne dem Bankrott gefährlich nahe zu kommen. Dabei zweifeln nicht nur die Festangestellten, sondern auch viele Freiberufler um uns herum Jahr für Jahr an unserem Verstand. Andere sind sich sicher, dass wir eine große Erbschaft gemacht haben, die wir jetzt verprassen. Weit gefehlt, das Ganze ist viel profaner. Seit nunmehr fünf Jahren verlegen meine Frau und ich jedes Jahr von Mitte Januar bis Mitte März unseren Lebens- und Arbeitsmittelpunkt in unsere zweite Heimat: die indonesische Insel Bali. Und das aus guten Gründen:
- Wir sind bekennende Winterhasser. Tagestemperaturen unter 20 Grad Celsius sind uns ein Gräuel.
- Wir lieben Bali, seit wir 1990 die Insel das erste Mal besuchten. Wo auch immer uns unsere Südostasienreisen in den folgenden Jahren hinführten, ein kurzer Abstecher nach Bali musste immer sein. Inzwischen haben wir einen eigenständigen, sehr bunten weil internationalen Freundeskreis auf der Insel. Sie ist tatsächlich nicht mehr Ferienziel, sondern wir fühlen uns dort zuhause.
- Ich kann überall auf der Welt arbeiten, wo es eine einigermaßen schnelle Internetverbindung gibt. Auf Bali ist das sogenannte Breitbandinternet zwar immer noch meilenweit von DSL entfernt, aber es reicht aus. In all den Jahren habe ich dank E-Mail und Skype noch nie Probleme gehabt, mit Auftraggebern und Interessenten Kontakt zu halten. Allenfalls wundern sie sich darüber, dass ich von einem Tag auf den anderen zum Nachtarbeiter geworden bin. Die Zeitverschiebung von sieben Stunden macht es möglich. Durch den zweimonatigen Auslandsaufenthalt habe ich noch keinen einzigen Auftrag verloren, im Gegenteil. Es haben sich neue Kontakte ergeben.
- Der jährliche Wechsel in eine völlig andere, fremde Kultur schärft die Sinne. Spätestens nach zwei oder drei Wochen merke ich, wie gut das meinem Schreiben bekommt.
- Die jährliche Winterflucht kostet viel weniger als eine Urlaubsreise. Die Lebenshaltungskosten auf Bali sind deutlich niedriger als in Deutschland. Die Ausgaben für die Unterkunft werden durch die Einsparungen (Heizung, Strom, Wasser, Zeitung ...) kompensiert. Das gilt natürlich nur, wenn man nicht im Hotel wohnt, sondern wie wir eine Wohnung mietet. Nicht am Meer, sondern im Landesinneren. Aber wir gehen ja auch nicht in die Ferien! Zu Buche schlägt letztendlich nur der Flug, den wir aber schon so frühzeitig buchen, dass er günstig - in diesem Jahr sogar sensationell billig ist.
Morgen geht es los und diesmal leisten wir uns auf der Anreise sogar drei Ferientage und legen einen Stop in Bangkok ein.
Den nächsten Blogbeitrag schreibe ich also an einem Schreibtisch im Freien bei angenehmen 28 Grad im Schatten. Allen Daheimgebliebenen wünsche ich schönes Frieren.
Wir amüsieren uns dumm
Montag, 4. Januar 2010
Wenn am 7. März in Los Angeles die Oscars verliehen werden, wird vielleicht ein Film ausgezeichnet, den man Deutschland bis dahin nicht sehen konnte - und ohne Oscarprämierung wohl auch nie sehen wird: „Precious“. Dabei hat das Drama von Regisseur Lee Daniels über eine schwarze, analphabetische, vom Vater geschwängerte und von der Mutter misshandelte, dicke 16-jährige einige bedeutende Kritiker- und Zuschauerpreise abgeräumt. Einen deutschen Verleiher hat der Streifen trotzdem noch nicht gefunden. Warum sich niemand an diesen mit Stars besetzten und in den USA außerordentlich erfolgreichen Film herantraut, erklärt ein Filmverleih ganz unumwunden (nachzulesen im Südkurier):
„An den traut sich in Deutschland schon seit einem Jahr keiner ran.“ Gefragt sei im Moment nur Gute-Laune-Kino. „Das gilt vor allem für die kleinen Programmkinos, die sich an ein anspruchsvolleres Publikum richten. Die spielen nur noch Wohlfühl-Filme, französische Komödien oder hochkarätige deutsche Produktionen. Sobald eine Geschichte den Stempel ‚Sozialdrama‘ hat, lässt jeder, der Geld verdienen will, lieber die Finger davon.“
Und zu allem Übel ist die Protagonistin des Films dann auch noch schwarz. Der Südkurier zitiert einen Kino-Insider dazu: „Wenn Will Smith oder Denzel Washington mitspielen, ist es kein Problem. Aber bei allem anderen wird es schwierig. Die Kinobetreiber wollen solche Filme nicht spielen, weil sie Angst vor leeren Sälen haben. Gerade in der Provinz trifft man da ziemlich oft auf Rassismus. Dass man kein Interesse an ‚Brikett‘-Filmen habe, musste ich leider schon öfter hören.“
Not, Armut, Elend ... Im Kino wollen wir nichts davon sehen. So amüsieren wir uns denn langsam blöde. Wenigstens den Trailer kann jeder auch in Deutschland sehen:

