Eine andere Geschichte
Donnerstag, 29. Juli 2010
Vor kurzem passierte es wieder. Ich kam im Zug mit einem Mitreisenden ins Gespräch, der nach ein paar Minuten Smalltalk auf mein Notebook zeigte und fragte:
»Und, womit verdienen Sie Ihre Brötchen?«
»Ich schreibe.«
»Sie sind Journalist?«
»Nein, ich schreibe in erster Linie Biografien.«
An dieser Stelle nehmen die Gespräche oft die gleiche Wendung.
»Kenne ich jemanden, über den Sie geschrieben haben?«
Wenn ich dann erkläre, dass ich die Biografien von »Menschen wie du und ich« verfasse, sind meine Gesprächspartner erstaunt. Wenn mein Gegenüber jünger als 60 Jahre alt ist, höre ich anschließend oft:
»Ist das denn interessant? Also ich könnte das ja nicht. Da hören Sie doch wahrscheinlich ständig alte Kriegskamellen, oder? Damit hat mich mein Opa ständig genervt.«
Früher erklärte ich dann, wie groß das Spektrum meiner Erzähler ist und das es vom Selbstmarketing eines erfolgreichen Unternehmers über die Abrechnung einer betrogenen Ehefrau mit Exmann und Schwiegereltern bis zur Traumbearbeitung eines Weltkriegsteilnehmers reicht. So, als müsste ich mich rechtfertigen.
Heute erzähle ich stattdessen lieber Geschichten und Anekdoten aus den Lebensgeschichten meiner Erzähler. Wie die von Paula aus Altsattel im Sudetenland. Sie war gerade zwanzig geworden, als sie 1938 ihre große Liebe Adolf heiratete. Die beiden hatten einen Traum. Eine Familie gründen und ein Geschäft eröffnen. Letzteres gelang mit Hilfe von Paulas Eltern, die ihnen das Startkapital von 20.000 Mark für die Übernahme eines Metzgereigeschäftes borgten. Das junge Paar schuftete 16 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche. Aber sie schafften es. Die Kunden waren zufrieden und täglich kamen mehr Leute in den Laden. Paula war glücklich. Sie war mit ihrer großen Liebe zusammen und sie hatten ein gemeinsames Geschäft. Vier Monate währte dieses Glück, dann zerstörte die Politik die Idylle. Deutsche Truppen besetzten das Sudetenland. Adolf, der schon in der tschechischen Armee gedient hatte, fürchtete einberufen zu werden und tauchte unter. Paula wusste nicht, wo ihr Mann sich versteckte. Sie versuchte, das Geschäft weiter zu betreiben, so gut es ging. Nach fünf langen Wochen traute Adolf sich nach Hause. Die beiden schlossen sich in die Arme. Jetzt würde alles gut! Schon wieder ein Trugschluss. Nichts wurde gut. Nur zwei Wochen später wurde Adolf zum deutschen Militär eingezogen und wenige Monate darauf begann der Krieg. Paula sah ihrem Mann noch drei Mal, wenn er für wenige Tage Urlaub bekam. Während des ersten Urlaubs zeugten die beiden Liebenden ein Kind. Als Winfried zur Welt kam, war sein Vater in Russland. Als er neun Monate alt war, sah sein Vater ihn das erste und 14 Monate später das zweite und letzte Mal. Über dieses Treffen erzählte Paula:
Zehn oder zwölf Tage hatten wir miteinander, ehe ich ihn wieder zum Bahnhof bringen musste. Wir waren bedrückt. Adolf schaute auf das Ortsschild im Bahnhof und sagte: „Wann ich hier wohl einmal wieder einfahren werde.“ Ich nahm ihn in die Arme und versuchte, einen zuversichtlichen Eindruck zu machen. Ich konnte ihm doch nicht die Abreise noch schwerer machen, als sie ihm ohnehin schon fiel. Dabei war mir zumute, als hätte mir jemand das Herz aus dem Leib gerissen. Ich weinte den ganzen Weg zurück nach Altsattel.
Ein paar Tage später hatte ich das Gefühl, erneut schwanger zu sein. Ich schrieb Adolf einen Brief, in dem ich sorgenvoll von einer eventuellen Schwangerschaft berichtete. Ungeduldig wartete ich auf seine Antwort. Ich sollte sie auf grausame Weise bekommen. Als ich den NSDAP-Ortsgruppenleiter in der Eingangstür sah, wusste ich sofort, was passiert war. Er brachte die Todesnachricht. Adolf war bei einer Bombenexplosion in der Nähe seines Unterstandes gestorben. Ich hätte den NSDAP-Mann umbringen können. Er überreichte mir Adolfs letzten Brief:
„Liebes Weibchen, mache dir das Leben nicht so schwer, es kommt ja doch, wie es kommen will. Mache dir keine Sorgen über die kleine Ursula. Da habe ich eine große Freude daran.“ Der Brief schloss mit den Worten: „Morgen schreibe ich mehr“.
Ich weiß nicht, wie oft ich in den folgenden Jahren diesen Brief las. Er muss getränkt sein mit meinen Tränen. Ich besitze ihn noch heute, auch wenn die Blätter inzwischen vollständig zerfleddert sind und die Schrift verwischt ist.
Am folgenden Sonntag gab es eine Totenmesse in der Kirche in Altsattel. Auf dem Totenzettel stand: „Sein Glaube hieß Deutschland“. Was für ein Hohn.
Paula vergaß ihre große Liebe das ganze Leben lang nicht. Nach dem Krieg floh sie aus dem Sudetenland nach Bayern. Sie eröffnete eine Gastwirtschaft, arbeitete erneut 16 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche, damit ihr Sohn studieren konnte. Als Deutschland sich wieder bewaffnete, riet sie ihrem Winfried, in die Schweiz zu ziehen. Ihn wollte sie nicht auch noch auf irgendeinem Schlachfeld verlieren. Paulas Enkel sind so stolz auf die Oma, dass sie mich beauftragten, ihre Lebensgeschichte festzuhalten. Und ich bin dankbar, dass ich die Biografie dieser außergewöhnlichen Frau schreiben durfte. Es war großartig, Paula kennengelernt zu haben.
Dem Grauen ins Auge schauen
Sonntag, 25. Juli 2010
Als Ernst mir vorgestern von seinen Erlebnissen der ersten Tage des Russlandfeldzuges erzählte - äußerlich ruhig, präzise, detailgenau - spürte ich seine ungeheure Erregung. Auch wenn fast 70 Jahre vergangen sind, das Trauma ist gegenwärtig. Er steuerte die Zugmaschine einer Panzerabwehrkanone. Drei Tage blieb alles ruhig. Sie marschierten nach Osten, ohne einem einzigen russischen Soldaten zu begegnen. Dann, am vierten Tag, wurden sie plötzlich und ohne jede Vorwarnung, wie aus dem Nichts beschossen. »Ich wusste zuerst überhaupt nicht, was los war. Plötzlich flog der linke Außenspiegel durch die Luft. Hatte ich irgendetwas touchiert und er war dadurch abgebrochen? Ich schaute nach rechts. Ottos Körper war seltsam verbogen, sein rechter Arm hing über die Tür nach draußen und seine Augen waren aufgerissen. Ich rüttelte an seinem Arm. Keine Reaktion. Ich schrie ihn an: »Mensch Otto, was ist los?« Nichts. Ich schaute mich um. Die Männer, die auf der Geschützlafette gesessen hatten, waren verschwunden. Bis auf einen Einzigen, aber auch der war nicht mehr richtig da. Sein Unterleib fehlte, die Gedärme schleiften über den Boden. Als ich wieder nach vorne blickte, sah ich die Männer des vor mir fahrenden Geschützes von der Lafette purzeln. Wie Marionetten, bei denen der Puppenspieler, die Fäden durchtrennte. Dann sah ich nichts mehr. Nur noch Rauch und Dreck. Ich spürte auch nichts mehr. Dachte nichts mehr. Warf mich auf den Boden des Fahrzeugs, hielt die Hände über dem Stahlhelm gekreuzt.«
Am Ende gelang es Ernst, sich zu retten. Sich und zwei seiner schwer verwundeten Kameraden, die er in sein Fahrzeug zog und aus der Schusslinie brachte. Dafür sollte Ernst das EK 1 bekommen. Er lehnte es ab. Er fühlte sich nicht als Held. Sollte sich nie so fühlen. In all den Jahren nicht. Er funktionierte, um zu überleben. Mehr nicht.
Er kam bis kurz vor Moskau. 1944 wurde er auf dem Rückzug in russische Gefangenschaft genommen. Die folgenden fünf Jahre verbrachte er in unterschiedlichen Lagern am Fuße des Ural nahe der Millionenstadt Perm. Schuftete. Fror und hungerte gemeinsam mit seinen Bewachern. Lernte russisch. Versuchte, dem Stumpfsinn zu entfliehen, Normalität im Irrsinn zu finden.
Im November 1949 durfte er zurück in seinen Heimatort. Fast auf den Tag genau 11 Jahre, nachdem er zum ersten Mal eine Militäruniform angezogen hatte. Er kam in ein Land, das ihm fremd war. Bundesrepublik Deutschland. Adenauer. D-Mark. Viele Freunde von früher waren tot oder verschollen. Wer überlebt hatte, schwieg. Niemand wollte mit ihm über seine verlorenen elf Jahre reden. Alle waren froh, dass es vorbei war, dass es endlich wieder aufwärtsging. Und so ließ auch Ernst die Vergangenheit ruhen, obwohl sie ihn nicht ruhen ließ, ihn nachts aus einem Alptraum aufschreckte. Er funktionierte. Gut sogar. Baute aus der kleinen Schlosserei seines Vaters ein Unternehmen mit mehr als 1500 Mitarbeitern auf. Machte es zum Weltmarktführer.
Drei Tage ließ Ernst im Gespräch mit mir, seinem Biografen, das Grauen wieder aufleben. Erzählte mir alle Einzelheiten, verschonte mich vor keiner Grausamkeit. Ich habe ihm zugehört, ihn getröstet und ermuntert. Nun trage ich den Schrecken mit mir herum. Der Horror wird mir auf der Seele liegen, bis ich die Geschichte aufgeschrieben habe. Damit Ernsts Enkel lesen können, was Krieg mit Menschen anrichtet. Ihr Opa kann es ihnen genau sagen.
Geschichte erzählen
Dienstag, 20. Juli 2010
Signale von Empathie zu senden, zugewandt sein, aufmerksam und offen zuzuhören, Erzählfluss zuzulassen - das sind die Grundzutaten für ein gut geführtes biografisches Interview. Übrigens: Diese Fähigkeiten kann man nicht theoretisch erwerben, sondern nur in der Praxis. Deswegen ist Erfahrung das größte Kapital eines personal historian. Wenn ich an meine ersten Aufträge denke ... Schwamm drüber! Oft zeigt sich in diesen Gesprächen ein Dilemma. Ich muss eine große Nähe zum Erzähler herstellen, damit er sich mir so weit wie möglich öffnet. Gleichzeitig ermöglicht mir nur eine gewisse Distanz, gelassen mit historischen Ungereimtheiten umzugehen. Letztendlich hilft es, sich klarzumachen, dass jede Biografie eine völlig einseitige, individuelle Sicht auf die geschilderten Ereignisse liefert. Zudem hat jeder Erzähler einen eigenen Antrieb, eine besondere Motivation, sein Leben zu dokumentieren und seine Geschichte aufschreiben zu lassen. Das Spektrum reicht vom Selbstmarketing bis zur Lebensbeichte. Da gibt es den erfolgreichen Unternehmer, der aus dem Nichts eine Firma mit Weltgeltung aufgebaut hat. Oder die Gastwirtin, die trotz aller nach außen zur Schau gestellten Fröhlichkeit fast ihr ganzes Leben um ihren ersten Mann Adolf getrauert hat, mit dem sie vier Monate und dreizehn Tage verheiratet war, als ein Schrapnell seinen Kopf zerfetzte. Am 14. November 1941. In einem russischen Dorf rund 100 Kilometer östlich von Minsk. Und dabei war ihr Adolf doch nur Metzger und arbeitete als Koch in einer Feldküche.
So anders- und einzigartig diese Lebensgeschichten, so unterschiedlich die Herangehensweise an eine Biografie. Manchmal spielt die sogenannte »historische Wahrheit« überhaupt keine Rolle. In der Regel weise ich den Erzähler aber darauf hin, dass seine Darstellung sich nicht mit der allgemein akzeptierten Geschichtsschreibung deckt. Das bin ich meiner Ausbildung als Historiker schuldig. Oft ist der Erzähler dann überrascht, dass er sich geirrt haben könnte, und wir ändern diesen Textteil. Ich habe es aber auch schon erlebt, dass jemand starr an seiner Sicht der Dinge festhielt, weil genau das die Krücke war, die ihm einen Umgang mit vielleicht traumatischen Ereignissen überhaupt möglich machte. Ich solchen Fällen bleibt dem Biografen nichts anderes übrig, als zu schweigen.
Die Generation der Hinschmeißer
Mittwoch, 14. Juli 2010
Warum ich das gerade jetzt schreibe? Nein, nein, mir hat kein Geheiminformant geflüstert, dass auch Joachim Löw zurücktritt. Vielmehr habe ich die große Geschichte gerade im Privaten erlebt - so wie wir Biografen es ja immer postulieren.
Ich bin Mitglied eines Vereins - um was für einen es sich handelt, spielt keine Rolle, deshalb nur so viel: Es ist kein Sportverein und auch kein großer Club, wo Posten mit Arbeit verbunden wären. Besager Verein hielt nun am Wochenende sein alljährliches Mitgliedertreffen. Nach Aussage einiger Teilnehmer - ich konnte leider nicht dabei sein - war es eine gelungene Veranstaltung mit interessanten und fruchtbringenden Gesprächen. Gestern erhielten alle Mitglieder eine E-Mail des Vorsitzenden. Er trete von seinem Amt zurück. »Mit sofortiger Wirkung.« Zur Begründung gab er den Frust über einige Absagen an und Differenzen im Vorfeld der Tagung an. Tatsächlich gab es unterschiedliche Meinungen über den inhaltlichen Schwerpunkt der Veranstaltung - man einigte sich schließlich auf einen von allen Seiten akzeptierten Kompromiss. Ein Absatz aus der E-Mail des Ex-Vorsitzenden sei hier wörtlich zitiert:
»Am Ende stimmte es dann nicht mehr mit der seelischen Ökonomie. Es kostet Kraft, Differenzen auszuhalten und auszutragen, und wenn das Gefühl überwiegt, Energie und Hoffnung hineinzugeben, ohne dass ein befriedigender Ausgleich erfolgt, liegt der Rückzug einfach nahe.«
Welch entlarvender Satz! Engagement wird ökonomisch betrachtet. Ich gebe nur, wenn ich zurückbekomme. Und zwar sofort und in gleicher Münze! Kritik annehmen, Differenzen durchstehen und Konflikte aushalten um einer gemeinsamen Sache willen, aus Solidarität, meinetwegen auch nur aus Pflichtbewusstsein, ist nicht mehr vorgesehen. Das »Ich« siegt über das »Wir«.
Nun mag man einwenden, die hier geforderte Disziplin sei eine bloße Sekundärtugend und außerdem handele es sich um einen unbedeutenden Einzelfall. Ich widerspreche vehement! Ohne Disziplin gibt es keine Professionalität, die nicht nur im beruflichen, sondern auch im gesellschaftlichen und sozialen Raum die Voraussetzung für Erfolg ist. Dass unsere Gesellschaft noch halbwegs funktioniert, liegt in erster Linie an der Bereitschaft von Millionen Menschen, sich zu engagieren - und zwar ohne ökonomische Gegenrechnung. Tafeln, Hospize, Jugendbetreuung in Brennpunkten, Altenheime, die mehr sind als Verwahranstalten oder Krankenhäuser, in denen Patienten wenigstens hin und wieder als Menschen und nicht ausschließlich als Kostenfaktor gesehen werden - all das und noch viel mehr gibt es nur, weil Menschen immense Energie aufwenden, Konflikte aushalten, Differenzen austragen, diszipliniert sind und dabei so gut wie nie nach so etwas wie der eigenen seelischen Ökonomie fragen.
Und ein Einzelfall ist der Rücktritt des besagten Vereinsvorsitzenden auch nicht! Jeder sozial Tätige weiß, dass die Generation der 50- bis 60-jährigen Männer aus dem gebildeten Bürgertum in den entsprechenden Vereinen und Organisationen kaum anzutreffen ist. Das Argument, sie stünden eben mitten im Berufsleben und hätten keine Zeit, zieht nicht. Auf Tennis- und Golfplätzen findet man diese Herren schließlich überall. Und junge Männer, denen doch gerade die Karriere wichtig sein müsste, trifft man wesentlich häufiger. Nein, ich denke wir müssen uns leider der Tatsache stellen, dass diese Generation der zwischen 1945 und 1960 Geborenen - wenigstens so weit sie männlich ist - egoistisch, weinerlich und disziplinlos ist. Gerade im Bürgertum und in intellektuellen Kreisen fehlt die Bereitschaft, das eigene Wohl zumindest zeitweise für ein gemeinsames Interesse hintanzustellen. Beschämend, finde ich.
Der Papst ist weg - es lebe der Papst
Dienstag, 13. Juli 2010

Ein historisches Foto: Schreibtäter mit Gattin bei der Papstaudienz (Foto: Claudia Bluhm)
So bleibt mir zum Schluss nur ein Wunsch: Bitte, Peter Lenk! Lass den Papst noch einmal durch Konstanz reisen so wie einst Martin V. zu Konzilszeiten. In einer gläsernen Sänfte und begleitet von den Bürgerinnen und Bürgern dieser Stadt. Und am Rathaus und an der Tourist-Info gibt es einen langen Segenshalt. Sie können es gebrauchen.
Frisch ausgepackt
Montag, 12. Juli 2010
Im Grunde genommen weiß ich genau, was mich erwartet. Vom ersten Entwurf der Buchgestalterin als pdf bis zum Andruck auf Papier habe ich Umschlag und Innenleben etliche Mal in Augenschein genommen. Aber es ist etwas völlig anderes, ein Buch in der Hand zu halten. Fadengeheftet. Mit Lesebändchen. Durchgehend vierfarbig gedruckt, damit auch die alten Schwarz-Weiß-Fotos ihre besondere Atmosphäre, ihre Patina behalten. Wenn es dann so besonders gut gelungen ist wie dieses Mal, dann fühle ich den Stolz jedes Kreativen, wenn er sein Werk in den Händen hält und es für gut befindet. Das ist es, wofür man arbeitet! Na gut, neben dem Honorar natürlich, denn nur von der Anerkennung allein kann man keine Brötchen kaufen. Ohne das gute Gefühl, etwas Bleibendes von Wert geschaffen zu haben, wäre es aber nur ein Brotjob. Und das wäre mir zu wenig.
Mein persönliches WM-Fazit
Sonntag, 11. Juli 2010
Die Fußballweltmeisterschaft ist noch nicht ganz beendet, trotzdem ist es Zeit für ein Resümee. Was wird in Erinnerung bleiben von den vergangenen vier Wochen? Denn darum geht es doch: Großereignisse wie diese haften im Gedächtnis. Sie strukturieren die persönliche Lebensgeschichte. Das muss natürlich nicht Fußball sein - von Mondlandung bis Wiedervereinigung gibt es genug Erlebtes, das mir selbst in der Erinnerung noch einen emotionalen Schauer über den Rücken jagt. Und es gab und gibt ja auch anderen Sport. Boris Beckers Wunder von Wimbledon etwa. Trotzdem sind Fußballweltmeisterschaften für alle, die dieses Spiel lieben, etwas ganz Besonderes. Jede WM hatte ihren ganz besonderen Charakter. Fast immer wurden Helden geboren, manchmal auch Schurken. Fast immer spielten sich Dramen ab, manchmal auch Komödien. Oft reichen wenige Stichworte und die Atmosphäre von damals ist sofort wieder da. Das Drama von Wembley (1966), das größte Halbfinale aller Zeiten (1970), der Triumph von München (1974), die Schmach von Córdoba (1978), der Nichtangriffspakt im Skandalspiel von Gijón (1982), die Hand Gottes (1986), die römische Nacht in einem durch und durch bemerkenswerten deutschen Jahr (1990), Maradonas Fall, Escobars Tod und Effenbergs Stinkefinger (1994), Gewaltexzesse und Rumpelfußball (1998), Titanen sind auch nur Menschen (2002), das Sommermärchen (2006). So lässt sich meine persönlich erlebte WM-Historie zusammenfassen. Sie ist absolut individuell, jeder Leser mag über seine eigene nachdenken. Eines aber ist sicher: Der Fußball ist identitätsstiftend, da mögen nicht Begeisterte noch so sehr die Nase rümpfen.
Was also wird bleiben von der WM 2010 in Südafrika? Die Tröten natürlich. Und Paul, der Krake. Die schlechten Schiedsrichterleistungen. Die blamablen Vorstellungen einiger Favoriten und dass auch Weltstars nur in exzellenten Mannschaften glänzen können. Der wirklich Interessierte weiß, dass der schönste Fußball nicht bei Weltmeisterschaften, sondern in der Champions League zu sehen ist. Wie rumpelig es aber teilweise auf dem Platz zuging, war schon bitter. Nicht mal die ganz großen Emotionen eines Elfmeterschießens wurden uns oft gegönnt. Nur zwei Mal wurde die Entscheidung vom Punkt gesucht, vielleicht heute noch mal im Endspiel. Beim Spiel Uruguay gegen Ghana hätte es nicht einmal dazu kommen dürfen. Der Schurke der WM 2010 heißt Luis Suárez. Wie ein Volleyballer blockte er den Ball in der 120. Minute auf - vielleicht sogar hinter der Torlinie. »Es war die beste Torwartparade der Welt«, sollte der Übeltäter später vor der Presse witzeln und von der Hand Gottes schwafeln. Auf jeden Fall stahl er den Ghanaern den verdienten Einzug ins Halbfinale - und doch ging alles den Regeln entsprechend zu. Regelkonform pfiff der Schiedsrichter Elfmeter und regelkonform stellte er Suárez vom Feld. Ghana verschoss und wurde somit regelkonform um den sicheren Sieg gebracht. Wer jetzt nicht die Regeln ändern will, dem ist meines Erachtens nicht zu helfen. Dabei wäre alles so einfach, liebe FIFA! Übernehmt einfach die Goaltending-Regel aus dem Basketball. Wird die Flugbahn des Balles regelwidrig verändert, werden die Punkte - im Fußball also das Tor - gegeben und der Regelverletzer bestraft. Suárez bekommt die Rote Karte und Ghana steht im Halbfinale. So gerecht könnten Regeln sein, wenn nicht eine starrköpfige Altherrenriege im Fußballweltverband sich jeder Neuerung verschließen würde.
Was war sonst noch? Deutschland spielte dreieinhalb Mal wunderbaren Fußball und verzückte Zuschauer und Medien in fast allen Ländern - wahrscheinlich mit Ausnahme Österreichs. Bei Australien konnte man die Leistung noch unter Hinweis auf den Zwergenstatus des Gegners relativieren, aber England mit teils brillantem Spiel 4:1 zu besiegen, davon war nun wirklich nicht auszugehen. Natürlich war da dieses nicht gegebene Tor für England. Aber selbst wenn die Mannen von der Insel ausgeglichen hätten, an diesem Tag wäre das deutsche Team trotzdem als Sieger vom Platz gegangen. Sag ich mal! Zur Not halt im Elfmeterschießen.
Gegen Argentinien zeigte die Löw-Truppe einen Fußball, wie man ihn von einer deutschen Fußballnationalmannschaft zuletzt in den 70-iger Jahren des vorigen Jahrhunderts gesehen hat. Im Spiel um Platz drei schaffte sie es dann noch einmal, trotz der bitteren Niederlage gegen die eindeutig überlegenen Spanier drei Tage zuvor, ansehnlichen Fußball zu spielen. Ich denke, hier ist ein neues deutsches Fußballteam entstanden, das in ein paar Jahren das Niveau Spaniens erreichen wird. Dann könnte es mal wieder etwas werden mit einem Titel. Freude haben sie uns schon dieses Mal gemacht!
Und wer hält den Pokal heute abend in Händen? Ich tippe auf Spanien, drücke aber den Holländern die Daumen. Schließlich bin ich nicht weit von der holländischen Grenze geboren und aufgewachsen. Einige der schönsten Erlebnisse meiner Jugendjahre trugen sich in Amsterdam, Enschede und Zandvoort zu. Irgendwo wird sich in meinem Kleiderschrank etwas in Oranje finden. Also dann: HUP HOLLAND HUP! Laat de leeuw niet in z‘n hempie staan!
Nachtrag - Montag, 12. Juli 2010
Liebe Holländer!
Ich bin enttäuscht. Eigentlich bin ich sogar wütend. Was habt ihr früher für einen schönen Fußball gespielt. Mit Witz, Frechheit, Tempo. Und gestern? Anscheinend habt ihr gedacht: wenn die Deutschen es mit ihrem neuen, witzigen, frechen, schnellen Spiel gegen die Spanier nicht schaffen, dann spielen wir mal wie die Deutschen früher. Nur härter. Zum Glück hat es nicht funktioniert und die Spanier sind Weltmeister. Olè!
Lob des Historischen
Dienstag, 6. Juli 2010
In diesem Blog gibt es keine Buchrezensionen. Erstens, weil ich kein Rezensent bin und zweitens, weil ich auf keinen Fall die Arbeit von Autorenkolleginnen und -kollegen negativ beurteilen möchte, was sich bei Kritiken kaum vermeiden lässt. Also gibt es hier nur Leseempfehlungen abseits der Bestsellerlisten.
Heute lege ich den Leserinnen und Lesern meines Blogs einen historischen Roman ans Herz. Keine Angst, es ist keiner jener Herz-Schmerz-Romanzen, deren Titel auf »-in« enden und in denen Wamse wallen, Busen wogen und ansonsten in einer als Mittelalter verkleideten Gegenwart sprachlich munter drauflosgeschwurbelt wird. Derlei Eskapismusliteratur findet ihre Leser ganz ohne meine Hilfe. Viele interessante Denkanstöße zum »Historischen« Roman finden sich übrigens in einer regen Diskussion bei Madame Cronenburg, der ich es auch zu verdanken habe, den Autor des hier in Rede stehenden Buches kennen gelernt zu haben. Genauer gesagt handelt es sich um zwei Bücher, noch genauer, die ersten beiden einer auf vier Bände angelegten Reihe. Der Wiener Schriftsteller Richard K. Breuer stellt sich der schwierigen Aufgabe, in diesen Romanen ein Mosaik der Französischen Revolution zu erstellen. Band 1 mit dem Titel »Die Liebesnacht des Dichters Tiret« spielt im Jahr 1788. Im Band 2 »Brouillé« kommen wir den revolutionären Ereignissen näher, denn die Handlung ist im Frühjahr 1789 angesiedelt.

Für das Verständnis des zweiten Bandes ist es nicht nötig, den ersten Band gelesen zu haben. Trotzdem empfiehlt es sich, mit dem »Tiret« zu beginnen, um die Entwicklung der Figuren nachvollziehen zu können. Der Protagonist beider Romane ist der polnische Gelehrte Aleksander Mickiewicz - eine fiktive Figur. Im »Tiret« verliebt er sich in Madeleine, die Tochter eines polnischen Aristokraten, und reist in Begleitung eines Marquis d‘Angélique ins vorrevolutionäre Frankreich. Im »Brouillet« begegnen wir den beiden wieder, als sie die Umstände eines rätselhaften Todesfalles ermitteln. Deshalb bezeichnet der Autor das Buch als »Mosaik eines Kriminalfalles«, was es auf jeden Fall besser trifft als das Etikett »historischer Kriminalroman«, denn Tat und Aufklärung bilden nur den Rahmen für die dramatischen Ereignisse, in welche die Hauptpersonen - neben den schon genannten noch Thomas Duport, ein junger Amerikaner - verwickelt werden. Es brodelt in Frankreich. Bauern und Handwerker, durch Missernten und ökonomische Krise in ihren Existenzen bedroht, beginnen, die alte Feudalordnung in Frage zu stellen. Der König sieht sich gezwungen, die Generalstände einzuberufen. Die Geschichte nimmt ihrem Lauf. Mehr sei über den Inhalt hier nicht verraten.
Beide Bücher bieten großen Lesespaß, wobei mir persönlich »Brouillé« um einiges besser gefallen hat. Vor allem die Schilderung der Wahl der Deputierten für die Generalstände in einem kleinen französischen Dorf und die Erstellung der sogenannten »Beschwerdehefte«, in denen die Bürger ihre Klagen und Sorgen zusammenfassen konnten, ist meisterhaft gelungen. Selten habe ich die Zustände im vorrevolutionären Frankreich so anschaulich beschrieben gefunden. Dabei ist die Sprache niemals »histo-tümelnd«, sondern präzise der Zeit angepasst. Die Geschichten sind nicht überfrachtet, historische Fakten werden en passant in den geschliffenen, oft witzigen Dialogen präsentiert. Überhaupt sind es diese Dialoge, die den besonderen Reiz der Breuerschen Sprache ausmachen. Wer also historische Romane abseits des Alltäglichen mag, wird hier bestens bedient. Dazu kommt, dass die Bücher gestalterisch Maßstäbe setzen. Typografie, Umschlaggestaltung - all das sieht man nur noch selten in dieser Qualität. Und das, obwohl - oder vielleicht gerade weil die Bücher im Selbstverlag des Autors erscheinen. Ein Beleg dafür, welche Perlen hier verborgen sein können. Alles Weitere auch zu den Folgebänden und die ungewöhnliche Vermarktungsidee für den 3. Band findet sich auf der sehenswerten Website des Autors. Hier kann man die Bücher auch gleich bestellen.
Zum Schluss sei noch auf Richard K. Breuers ebenfalls lesenswertes Blog hingewiesen, auch wenn er darin einige seltsame, sehr österreichische Ansichten über die deutsche Fußballnationalmannschaft und ihre WM-Spiele verbreitet.
Analog 2.0
Montag, 28. Juni 2010
»Doch, ich glaube schon«, antwortete mein Freund. »Aber wir können ja eben nachschauen.«
Er stand auf und ging nicht ins Arbeitszimmer, wo sein PC steht, sondern schlenderte zum Bücherregal. Lag dort sein Netbook? Hatte er sich gar ein iPhone gekauft? Unwahrscheinlich, kenne ich ihn doch als ausgewiesenen Lateadopter. Er griff ins Regal und zog einen Band des DTV-Lexikons heraus. Ich traute meinen Augen nicht, es war wie eine Zeitreise. Wahrscheinlich stand in jedem Studentenhaushalt der 70iger und 80iger Jahre dieser »Volksbrockhaus«. In seinen 20 dunkelroten Softcoverbänden von A-Bam und Walp-Zz fand man Antworten auf beinahe alle Fragen.
Mein Freund blätterte ein paar Sekunden und sagte dann bestimmt: »Ja, Giscard lebt noch.«
»Gibt es tatsächlich von diesem alten Schinken eine Neuausgabe?« Angesichts des verblichenen Umschlags und der typischen 80iger-Jahre-Titelseitengrafik zweifelte ich eher am Verstand meines Freundes.
»Nein, nein, das ist noch die Originalausgabe von 1981.« Mein Freund lächelte verschmitzt, während ich mein Hirn zermarterte. Wann war Giscard Präsident? In der zweiten Hälfte der 70iger, mutmaßte ich. Dann stünde vermutlich noch nicht einmal das Ende seiner Präsidentschaft in dieser Ausgabe. Mein Freund erkannte meine Zweifel und reichte mir immer noch lächelnd das Buch.
Der Eintrag über Valéry Giscard d’Estaing war kurz und endete mit der Feststellung: »Am 19. Mai 1974 kam es zu einer Stichwahl gegen François Mitterrand, in der Giscard d’Estaing zum Präsidenten der Französischen Republik gewählt wurde.«
In der fast unleserlichen Handschrift meines Freundes war mit Bleistift ergänzt: »1981 Niederlage gegen Mitterrand.« Danach, schon vertikal auf den Rand und mit Kugelschreiber geschrieben: »2006 Ehrenbürger von Koblenz«.
Auf meinen fragenden Blick meinte mein Freund: »So ein Lexikon will halt gepflegt und auf Stand gehalten werden.«
Aha. Alles klar. Ich lachte laut los und blätterte im Lexikonband. Überall handschriftliche Ergänzungen. Vor allem Todesdaten, aber auch Wahlsiege und -niederlagen oder Ehrungen wie der Literaturnobelpreis für Günter Grass. Findet sich in den Medien eine entsprechende Meldung, aktualisiert mein Freund sein Lexikon. Wäre Valéry Giscard d’Estaing bereits gestorben, mein Freund hätte es eingetragen. Ganz sicher.
Was ich zunächst für Skurrilität hielt, ist in Wirklichkeit die zutiefst sympathische Marotte eines Geistesmenschen. Informationen zu filtern, zu bewerten und zu speichern - das haben wir einst im Studium gelernt. Dank der stetigen Abrufbarkeit des (vermeintlich) vollständigen Wissens der Welt geben wir allzu oft unsere eigene Verantwortung ab. Informationen, Nachrichten, Meldungen werden zu Fastfood. Schnell konsumiert, alsbald verdaut und sofort vergessen. Schließlich gibt es ja .... Genau! Und wen ich bei Google nicht finde, der existiert auch nicht. Was bei Wikipedia steht, ist wahr.
So schön diese neue Welt auch sein mag, manchmal wäre ein bisschen analog 2.0 wünschenswert. Filtern schon vor dem Speichern ist eine Fähigkeit, die uns immer mehr abhandenzukommen droht. Beliebigkeit jeden Wissens ist die Folge.
Mein Freund hingegen trifft tagtäglich Entscheidungen, welche Neuigkeit ihm wirklich wichtig ist. Ob er den Tod von Heidi Kabel notiert hat? Ich denke schon, obwohl er wahrscheinlich kein einziges ihrer Stücke vollständig gesehen hat. Wegen Lena Meyer-Landrut hingegen hat er wahrscheinlich nicht zum Stift gegriffen.
Zeit für Afrika
Dienstag, 22. Juni 2010
Was wurde vor der Fußballweltmeisterschaft nicht alles geschrieben, gesendet und gemutmaßt über den Wahnsinn, ein solches großes Sportereignis nach Südafrika zu vergeben. Die Spiele würden in Kriminalität, Gewalt und Chaos untergehen. Und jetzt? Das einzig Traurige ist die Tatsache, dass sich vielleicht keine einzige Mannschaft vom schwarzen Kontinent für das Achtelfinale qualifiziert. Obwohl: Vielleicht erlebt ja auch die deutsche Mannschaft morgen ihr blaues Wunder am Kap und Ghana ... Warten wir‘s ab. Da musste in den letzten Tagen schon ein Streik der Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma herhalten, um wenigstens etwas vom liebgewonnenen Afrikabild zu retten. Und weil alles schöner ist, als es sein darf, greifen viele zum Schluss in die koloniale Mottenkiste. Hätte man das viele Geld für die Stadien nicht besser für Schulen und Krankenhäuser ausgeben sollen? Da ist es wieder, das Klischee vom armen Afrikaner, der sich gefälligst um sein Elend kümmern soll, bevor er sich und anderen Spaß und Freude bereitet. Afrika, der ewige Kontinent der drei K: Kriege, Krankheiten, Korruption! Die neuen Stadien seien nur »white elephants« - zwar schön anzuschauen, aber zu nichts zu gebrauchen? Die richtige Antwort darauf gab Desmond Tutu: »Weiße Elefanten? Na und!« Vermutlich wird sich Südafrika tatsächlich nicht leicht tun, die neuen Stadien einer nachhaltigen Nutzung zuzuführen. Schließlich nutzt man die WM-Stadien in Korea heute für Flohmärkte und verfallen viele der EURO-Stadien von 2004 in Portugal. Wer regt sich darüber auf? Genau!
Ich finde diese WM wunderbar. Nicht wegen des oftmals enttäuschenden Fußballs, sondern wegen des neuen Blicks auf einen großartigen Kontinent. So viel Afrika war nie in den Medien. Vor allem: so viel fröhliches, tanzendes Afrika. Manchmal wünscht man sich fast ein bisschen mehr Ernsthaftigkeit. Aber dafür ist ja auch nach der WM noch Zeit. Jetzt wird musiziert, gesungen, gelacht - gab es bei irgendeiner Eröffnungszeremonie eines Weltereignisses jemals so ein Lachen, wie das von Desmond Tutu? - getrommelt, gefeiert und .... getrötet. Wenigstens einen Aufreger brauchen wir nun wirklich hier in Europa.
Ach ja: Anstatt der Coverversion von Shakira könnte ruhig hin und wieder »Waka Waka« in der Originalversion der kamerunischen Band Zangalewa gespielt werden:
Globalisierung - ganz privat
Samstag, 19. Juni 2010
Heute morgen klingelte es an der Wohnungstür. Da war Amazon aber diesmal schnell, dachte ich. Lächelnd drückte mir der Postmann ein Päckchen in die Hand. "Das hat aber einen weiten Weg hinter sich." Man sah ihm an, dass selbst in unserer globalisierten Welt, in der Nachrichten in Sekundenschnelle von einem Kontinent zum anderen getragen werden, ein solches Paket eher Seltenheitswert hat.

Als ich es öffnete, dachte ich darüber nach, was für Geschichten man wohl früher rund um so eine Postsendung hätte schreiben können. Monatelang wäre die Sendung unterwegs gewesen. Auf dem Seeweg wäre das Paket transportiert worden - über Hongkong, Singapur und Indien. Vorbei an den Küsten des Orients. Tausendundeine Nachtgeschichte über Genüsse und Gefahren, Taipane und Kulis, Karawanen und Kamele. Obwohl: Der verderbliche Inhalt gebietet schnellen Transport auf einem der Clipper, die von den Küsten Asiens zur Themsemündung fuhren. Sie rasten geradezu und schafften ihre verderbliche Ware in Rekordzeit nach Europa. Berühmt wurde das "Große Teerennen von 1866", als gleich drei Clipper, die am selben Tag in China gestartet waren, die Themsemündung zeitgleich erreichten. Das siegreiche Schiff "Taeping" hatte am Ende nur eine Länge Vorsprung vor der "Ariel" - nach 102 Tagen erbitterten Segelwettstreits, bei dem die Schiffe drei Viertel des Erballs umrundet hatten. Was für eine Geschichte und was für ein Stoff für einen historischen Roman. Als solcher würde er allerdings kaum einen Verleger finden - zu diesem Thema schaue man sich den Blogbeitrag von Petra van Cronenburg und die durch ihn ausgelöste spannende Debatte an.
Fortschritt lässt sich an Zahlen messen. 1866 brauchte das schnellste Schiff 102 Tage für die Strecke von Asien nach Europa. Dieses Paket war gerade einmal 3 - in Worten drei! - Tage unterwegs. Der Inhalt allerdings dient eher der Entschleunigung. Feinster, in Deutschland in dieser Qualität nicht zu bekommender japanischer Grüntee, mit dem uns ein Freund, der in Japan lebt und arbeitet, dankenswerter Weise versorgt. Genau das richtige bei diesem grün angestrichenenen Spätherbst. Wer noch die richtige Lektüre für ein verregnetes Wochenende sucht, dem sei einer meiner "Lieblings-Historischen" empfohlen, der allerdings gänzlich ohne dieses Etikett auskommt: "Rausch" von John Grisemer erzählt die Geschichte der Verlegung des ersten Atlantikkabels, berichtet vom Bau des größten Passagierschiffs der Welt, erzählt von der Industrialisierung und dem Beginn der Moderne. 700 Seiten Leserausch.
Das Geschenk zum Sommer 2010
Mittwoch, 16. Juni 2010
Die Ehefrau weiß um das ständige Frieren des Schreibtäters und überraschte ihn gerade mit diesem dem Sommer 2010 angemessenen Geschenk:

Geschmacksnostalgie
Montag, 14. Juni 2010
Auf der gestrigen Heimreise überkam mich im Zug eine leise Melancholie. Wie oft wird es solche von schlesischer Lebensfreude überbordenden Feiern noch geben? Umso wichtiger ist es, dass wir wenigstens die leiblichen Genüsse retten. Das Rezept von Mohnkuchen und Kartoffelsalat ist längst aufgeschrieben und für die Nachwelt erhalten, damit es auch in ferner Zukunft auf Familientreffen den Kartoffelsalat á la Mami gibt. Dann werden wir mit einem Leuchten in den Augen sagen »Ja, der schmeckt!« und gleichzeitig wissen, dass es nur ein Teil der Wahrheit ist. Denn es kann niemals mehr so sein wie damals, als ich jedes Mal, wenn Ernst Huberty ins Plaudern geriet, in die Küche rannte und mir einen großen Löffel voll in den Mund schob. Diesen einmaligen Geschmack gibt es nur in der Erinnerung. Nostalgische Erinnerung ist wehmütig. Nichts, was im Leben wichtig ist, kann unendlich oft wiederholt werden. Vieles ist sogar einmalig - und genau deshalb war das vergangene Wochenende so schön!
Das Leiden des Fußballfans während der WM
Donnerstag, 10. Juni 2010
Ich liebe das Fußballspiel. Ich bin damit aufgewachsen. Mein Vater nahm mich schon als Kind mit auf den Platz zu Heimspielen des SV - fünfte Liga. Die Derbys gegen den Nachbarort waren Höhepunkte des Jahres. Manchmal kamen 1000 Zuschauer auf die Wiese am Freibad, die Emsstadion hieß. Bei ungünstigem Wind landete der Ball unwiederbringbar im Fluss. Mein erster Star hieß Kramer - genannt Prinz - und wohnte zwei Straßen weiter in unserem Viertel. Er war Linksaußen und spielte seine Gegner schwindelig. Angeblich hatte er ein Angebot von Preußen Münster - blieb aber lieber einer von uns. So war Fußball damals. Wir kannten das Spiel nur live - bolzten selbst, wann immer sich die Gelegenheit bot. Vor der Schule, in den Pausen, nach der Schule. Am Wochenende gingen wir auf den Fußballplatz und schauten den Großen zu. Fußball im Fernsehen gab es nicht. Meine Eltern besaßen keinen Fernseher und so sah ich das erste WM-Endspiel meines Lebens 1966 bei der Oma. Ein Linienrichter mit komischem Schnurrbart klaute uns den Titel. Im Sommer wurde der SV Meister und stieg auf in die vierte Liga. Zu WM 1970 - der SV hieß jetzt WSU, spielte aber immer noch in der vierten Liga - kaufte dann endlich mein Vater einen eigenen Fernseher. Zum Glück, denn was wir zu sehen bekamen waren Fußballspiele, wie die Welt sie nie zuvor gesehen hatte. Im Viertelfinale besiegt Deutschland England mit 3:2 in der Verlängerung. Dramatik pur. Am Feiertag des 17. Juni durfte ich 13-Jähriger nachts aufbleiben. Halbfinale Deutschland gegen Italien. Kurz nach dem Anpfiff liegt Italien schon in Führung. Deutschland rennt an, hat Chance auf Chance aber der Ball will nicht ins Tor. Dann, der Schiedsrichter hat schon die Pfeife zum Schlusspfiff im Mund, schiebt Schnellinger die Kugel ins Tor. Verlängerung. Es beginnen die unglaublichsten 30 Fußballminuten, die ich bis heute gesehen habe: 95. Minute, Gerd Müller steht goldrichtig, 2:1 - 99. Minute, Burgnich bringt Italien zurück ins Spiel, 2:2 - 104. Minute, Maier steht zu weit vorm Tor, Riva erzielt das 2:3 - 110. Minute, 3:3, unglaublich, wieder durch Müller - 111. Minute, der K.O.-Schlag. Als Deutschland sich noch fassungslos vor Glück in den Armen liegt, schießt Rivera Italien endgültig mit 4:3 in die Führung und ins Finale. Mit Tränen in den Augen ging ich ins Bett. Emotional war der WM-Titel vier Jahre später eher eine sachliche Angelegenheit. Zumal die Holländer im Finale die deutlich bessere Mannschaft waren. Man musste sich ja fast schämen.
Da ging man doch lieber ins Stadion. Ich begann mit dem Studium und wieder stand kein Fernsehen in der WG. Dafür gab es im Umkreis einer guten Autostunde vier Bundesligaklubs, deren Fans zu Auswärtsspielen mit der S-Bahn fuhren. Am schönsten war es auf Schalke. Nordkurve im Parkstadion. Unschlagbar. Na ja, die Stimmung, die Mannschaft weniger. Aber dann wurden wir belohnt. Ich sach ma: San Siro! Weisse noch, 97? Wie gerne wären wir nach Mailand geflogen, aber das Geld reichte nur für Gelsenkirchen. Das erste Mal öffentlicher Fernseh-Fußball - der Begriff »Public Viewing« war noch nicht erfunden. Was für eine Stimmung im Stadion. Ausverkauft! Damals wurde Lehmann der Elfmeterheld. Und als der Olaf, diesen schmächtigen Kerl, dann den Pott innen Himmel reckte, weisse wat? Da hatten wir alle Pippi inne Augen. Echt jetzt!
Seit zehn Jahren wohne ich in der fußballerischen Provinz. Aber noch immer liebe ich dieses Spiel. Ich kann an keinem Fußballplatz vorbeifahren, ohne einen Moment hinzuschauen, selbst wenn dort die E-Jugend des SV Litzelstetten spielt. Natürlich mag auch ich heute viele Begleiterscheinungen des Fußballs nicht. Viel zu viel Geld ist da im Spiel. Rechte Chaoten und Rassisten machen sich auf manchen Plätzen breit. Dazu kommen die vielen Idioten, wegen derer man kaum noch mit seinem Enkel ins Stadion gehen kann. Wer einmal die Angst eines Kindes erlebt hat, wenn neben ihm eine Leuchtrakete gezündet wird, versteht mich. Aber trotz alledem liebe ich dieses Spiel. Auch wenn es mir gerade während der WM wieder schwerfallen wird. Und damit sind wir wieder am Anfang und kommen endlich zum Schluss. Die WM-Fans werden in den kommenden Wochen den Fußballliebhaber gehörig nerven. Nicht, weil sie immer noch nicht wissen, wann ein Spieler im Abseits steht. Das erkläre ich gerne und mit großer Geduld unter Zuhilfenahme von zwei roten und drei grünen Gummibärchen, zwei Zuckerwüfeln und einer Erdnuss. Es wird wieder so sein wie vor vier Jahren. Ich erinnere mich noch mit Grausen an das Halbfinale Deutschland gegen Argentinien. Draußen wollten wir es schauen. Es war Sommermärchenwetter, es war spannend, es ging gut aus. Und dennoch wünschte ich mich nach Hause. Direkt hinter mir stand ein Dutzend Teenager. Nur Mädchen. Alle in schwarz-weißen Trikots. Alle schwarz-rot-goldene Fähnchen auf den Wangen, in den Händen und um die Hüften gewickelt. Die ganzen 120 Minuten plus Elfmeterschießen schrien sie sich die Seele aus dem Leib. »Schweiniiiiiiii! Geilllll! Poldiiiiiiiii! Süüüüüüüß!« Es war zum Verrücktwerden. Dazu die ständige Angst, sie würden in Ohnmacht fallen. Was auf dem Platz passierte, war egal, die Mädchen verstanden es sowieso nicht. Hauptsache, ihre Idole waren im Bild.
Die Spiele der deutschen Mannschaft werde ich mir dieses Mal wohl zu Hause anschauen. Zum »Public Viewing« gehe ich, wenn die Elfenbeinküste gegen Portugal spielt. Könnte ein tolles Spiel werden. Zum Glück interessiert das die WM-Fans nicht!
Politischer Tagtraum
Montag, 7. Juni 2010
Sollte Frau Merkel, was zu befürchten ist, diese Größe nicht haben, könnte immer noch Christian Wulff zugunsten Gaucks von seiner Kandidatur zurückzutreten und den Weg für einen Bundespräsidenten frei machen, der eher als ein Parteipolitiker dem Land neue Impulse geben könnte.
Wie gesagt: Von Frau Merkel erwarte ich ein solches Signal in Richtung starker Führung und gegen die parteipolitische Kannibalisierung der Demokratie nicht. Aber Herr Wulff - bitte überraschen sie uns!
Und jetzt wache ich wieder auf und füge hinzu: Ich stimme keineswegs mit allen Ansichten Joachim Gaucks überein, seine Äußerungen zum Sozialstaat hören sich manchmal geradezu neoliberal an. Trotzdem wünsche ich ihn mir und nicht Christian Wulff im Amt des Bundespräsidenten. Ins Schloss Bellevue sollte kein Parteistratege einziehen, für den die Kanzlerin zur Absicherung der eigenen Macht die Möbelpacker bestellt hat. Wenigstens in diesem Amt brauchen wir einen intellektuellen Querdenker, der sich den Menschen und nicht einer Partei verantwortlich fühlt. In diesem Sinne sollte Jachim Gauck die Chance nutzen, die er nicht hat.

