Eine Zensur findet nicht statt
Montag, 8. Februar 2010
Wie gesagt: Jeder Autor hat das schon erlebt. Deshalb gibt es vermutlich auch hunderte Ratschläge, wie man es schafft, seine Ideen und Formulierungen zunächst am Zensor im Kopf vorbeizuschleusen. Ich kenne nur wenige dieser Vorschläge, weil ich keine Schreibakademien besucht und zwar viele Schreibratgeberbücher begonnen, aber nur wenig bis zur letzten Seite gelesen habe. Deshalb schildere ich hier meine persönliche Methode, das Problem zu umschiffen.
Bei jedem größeren Projekt versuche ich zunächst, die tragende Idee in möglichst einem Satz zu formulieren. Zugegeben: Manchmal werden es zwei oder drei Sätze, mehr sollten es aber nicht sein. In diesem Satz finden sich die zentrale Idee, der Konflikt und die Gegenspieler.
Folgte man dem klassischen Ablauf, käme jetzt das Exposee. Hier gehe ich aber anders vor und schreibe zunächst ein Treatment. Zumindest nenne ich es so, weil es der Definition relativ nahe kommt. Im Grunde genommen schreibe ich die komplette Geschichte, allerdings ohne jede einzelne Szene und jeden Dialog auszuformulieren. Lediglich der Inhalt jeder Szene wird festgehalten. Außerdem beschreibe ich die Stimmungen und Emotionen. Das sieht dann etwa so aus:
„A und B treffen sich in A‘s Stammkneipe. Der Gastraum ist voll. Trotz des seit Monaten geltenden Rauchverbots hängt der kleine Schankraum voller Nikotindunst. B`s Augen schmerzen. Ein spontaner Impuls rät ihm, wieder zu gehen. Aber er will A zur Rede stellen. Also geht er auf die Toilette, um seine Kontaktlinsen zu entfernen. A betritt die Toilette. Dialog: B wirft A vor, ein Verhältnis mit seiner Freundin zu haben. A bestreitet das heftig. Es kommt zu einer Auseinandersetzung, in deren Verlauf A gewalttätig wird. Durch seine Sehschwäche behindert, hat B keine Chance ....“
Ich denke, jeder kann sich das vorstellen. Entscheidend für mich ist: Dieses Treatment wird nie jemand zu Gesicht bekommen. Ich schreibe es ausschließlich für mich. Es braucht also auch keinen Zensor, der mir ständig einflüstert, dass man dieses oder jenes so nun wirklich nicht formulieren könne. Stilistische Schwächen oder orthografische Fehler interessieren mich nicht.
In dieser Phase des Schreibprozesses darf ich alles schreiben. Ich sollte es sogar. Also setzte ich mich an den Computer und bringe virtuell zu Papier, was mir in den Sinn kommt. Meldet sich der innere Kritiker, sage ich: „Sei still. Du bist jetzt nicht gefragt. Deine Zeit kommt später!“ Das funktioniert vermutlich deshalb erstaunlich gut, weil ich weiß, dass der Text nur das Fundament ist, auf den ich später aufbaue. Dann wird es noch genug Gelegenheiten, jede einzelne Idee und jeden Satz kritisch zu hinterfragen.
Bei meinem aktuellen Romanprojekt ist das Treatment inzwischen fertig. Es hat einen Umfang von 110 Seiten, was erfahrungsgemäß etwa einem Drittel der späteren Endfassung entspricht. Auch die auf dem Klemmbrett meines „Papyrus Autor“ - ein spezielles Schreibprogramm für Autoren, ohne dass ich mir meine Arbeit nicht mehr vorstellen kann - während des Schreibens abgelegten Notizzettel mit offenen Fragen, habe ich inzwischen abgearbeitet. Das bedeutete einen erneuten Einstieg in die Recherche ein, um Antworten zu suchen und in das Treatment einzuarbeiten.
Diese Vorgehensweise gibt mir erst die Freiheit, mit dem Schreiben eines Manuskripts zu beginnen. Jetzt erst bin ich sicher, dass meine Idee einen ganzen Roman trägt und ich kenne die Entwicklung von Geschichten und Charakteren schon sehr detailliert. Nun kann ich mich auf den Text konzentrieren, ohne ständig von Zweifeln über Plot oder Figurenentwicklung behindert zu werden.
Bevor ich allerdings damit beginne, gehe ich nochmals einen Schritt zurück und schreibe ein Exposee. Die ganze Geschichte auf zwei Seiten zusammenzufassen, zwingt mich, alle wesentlichen Handlungsstränge zu komprimieren und die Charaktere klar zu beschreiben. Sollte mir das nicht gelingen, ist es ein eindeutiges Indiz für Unstimmigkeiten im Plot oder in der Charakterentwicklung, an denen ich unbedingt arbeiten sollte. In dieser Phase befindet ich mich gerade. Spätestens übermorgen hoffe ich das Exposee fertig zu haben. Dann werde ich mir zwei oder drei Tage Pause gönnen, besuche Freunde am Meer. Abschalten, über andere Dinge reden, möglichst nicht an die Geschichte denken. Kraft tanken für den Schreibmarathon, der folgt, denn vor mir liegen mehrere Wochen, in denen ich täglich acht und mehr Stunden konzentriert und wenn ich Glück habe wie im Rausch schreiben werde.
Mehr als nur Tapetenwechsel
Mittwoch, 3. Februar 2010
Meine Frau und ich kommen seit nunmehr 20 Jahren regelmäßig nach Bali. Wohin auch immer uns unsere zahlreichen Reisen in Asien führten, ein kurzer Abstecher auf die „Insel der Götter“ musste fast immer sein. Die besondere Faszination dieses kleinen Eilands mit seiner weltweit einzigartigen Kultur ist schwer zu erklären. Sie lässt sich nur erleben und ich kenne niemanden, der sich dem Zauber entziehen kann. Wir schauten bald auch hinter die glänzenden Fassaden und Kulissen, erlebten balinesische Wirklichkeit jenseits der touristischen Hochglanzprospekte. Wir begannen, indonesisch zu lernen. Wir bemühten uns, das schier undurchdringliche Dickicht indonesischer Politik zu verstehen und lernten mehr und mehr über die Verwerfungen und Konflikte in der balinesischen Gesellschaft, die wir immer noch nur ansatzweise verstehen. Die Realität entzaubert manches und doch: An keinem anderen Ort fühlen wir uns so daheim.
Sicherlich liegt das auch an der Kleinstadt Ubud, die seit einigen Jahren unsere Winterheimat ist. Ubud wurde gerade von einer amerikanischen Reisezeitschrift zur „best city of Asia“ gekürt, was angesichts der Tatsache, dass sie mit ihren 8000 Einwohner die pulsierenden Metropolen Bangkok und Hongkong auf die Plätze verwies, seltsam anmuten mag. Wer hier länger lebt, versteht das besser. Ubud trägt wegen seiner Internationalität und der offenen Atmosphäre nicht unwesentlich zu der oben erwähnten Horizonterweiterung bei. In Ubud, dem Kulturzentrum Balis, leben und arbeiten Menschen aus vielen Ländern aller Kontinente. Natürlich prägen wie überall auf der Insel auch Touristen das Bild und meistens ist das eher schrecklich. Zum Glück sind die meisten nur Tagesausflügler und abends haben die „Locals“ und die „Expats“ die Stadt für sich - zumindest jetzt in der Nebensaison. Wer offen ist und bereit, sich auf andere Menschen einzulassen, kann wunderbare Begegnungen haben.
Ein Beispiel: Vor ein paar Tagen trafen wir uns in bunter Runde zum Dinner: eine Schweizerin, ein US-Amerikaner, eine Holländerin, ein Australier und wir zwei Deutsche. Es war ein sehr schöner Abend mit erstklassigem Essen (Ubud ist auf jeden Fall die kulinarische Hauptstadt Balis) und einer anregenden Unterhaltung. Fremde Perspektiven kennenzulernen, den eigenen, so sicher geglaubten Standpunkt zu verlassen, sich nicht nur räumlich, sondern auch intellektuell zu bewegen - nichts macht den eigenen Horizont weiter. In unserem „Winter in Ubud“ bieten sich dazu immer wieder Gelegenheiten. Irgendwann im März kommen wir zurück nach Deutschland. Hoffentlich in den Frühling. Auf jeden Fall aber unendlich bereichert.
Nicht nur für Frauen
Samstag, 30. Januar 2010
Der Genuss wird allerdings stark durch eine holprige und schludrige Übersetzung beeinträchtigt, was sogar auffällt, wenn man nur die deutsche Ausgabe liest. Wer kann, sollte also zum englischen Original greifen: Jane Juska: A round-heeled woman: My late-life adventures in sex and romance. Wer die deutsche Ausgabe lesen möchte, sollte sich beeilen. Sie wird aktuell als Restposten bei Amazon verramscht.
Die Lust zu plotten
Donnerstag, 28. Januar 2010
In den vergangenen zwei Wochen habe ich den Plot des Romans entwickelt. Wobei der Begriff Plot zu kurz greift. Um mit dem eigentlichen Schreiben beginnen zu können, vor allem um es auch zu einem befriedigenden Ergebnis zu bringen, brauche ich mehr als nur ein grobes Gerüst einer Geschichte. Nachdem ich den Inhalt in einem erweiterten Exposee skizziert habe, erstelle ich einen genauen Szenenplan. Dabei wird jede einzelne Szene detailliert geplant. Lokalitäten, Figuren, Geschehen. Es ist also mehr ein umfangreiches Storybook, denn ein einfacher Plot. Bevor ich mit dem eigentlichen Schreiben beginne, brauche ich absolute Sicherheit, was die Charakterisierung der Figuren und ihr Handeln angeht. Nur das gibt mir die Freiheit, mich nur noch auf den Prozess des Formulierens zu fokussieren. Nur dann gerate ich vielleicht in diesen wunderbaren Zustand, in dem die Sprache förmlich aus einem herausfließt.
Ich liebe diese Phase des Plottens übrigens ganz besonders. Hier entsteht alles: die einzelnen Handlungsstränge und ihre Verflechtungen, die Charaktere der agierenden Personen, die Stimmung und der Spannungsbogen, der den Leser hoffentlich in seinen Bann zieht. In dieser Zeit ist man als Autor tatsächlich der Erschaffer einer Welt. Man hält alle Fäden in der Hand, ist der absolute Herr der Geschichte. Ich kann nicht verstehen, wenn manche Autoren sich darüber beklagen - oder damit kokettieren? -, dass die von ihnen entworfenen Charaktere plötzlich so etwas wie Eigeninitiative entwickelten und begännen, die Geschichte in eine andere Richtung zu drängen. Meine Figuren tun das nicht. Sie existieren ja auch nur in meiner Fantasie, sind Produkte meines Geistes. Alles, was sie tun oder denken, habe ich mir ausgedacht. Solange ich an ihnen arbeite, haben sie kein Eigenleben - allenfalls werden sie es später, im Kopf eines Leser entwickeln. Wobei es ja auch dann nur der Fantasie in diesem Fall des Rezipienten entspringt.
Das heißt natürlich nicht, dass es im Laufe der Entwicklung einer Geschichte nicht zu Veränderungen bei Charakteren kommt. Natürlich kann es sich erweisen, dass bestimmte Charaktereigenschaften einer Figur nicht mit seinen Handlungen übereinstimmen. Dann ändere ich das. Ich! Nicht die Figur selbst! Sie hat mir das auch nicht in einem unserer nächtlichen Zwiegespräche eingeflüstert. Ich genieße es geradezu, mit unterschiedlichen, oft gegensätzlichen Haltungen und Einstellungsmustern meiner Protagonisten zu spielen. „Was wäre wenn ....“ Gerade hierin liegt doch der besondere Reiz kreativen Schreibens. Da lasse ich mir doch von niemandem reinreden. Auch nicht von meinem Lieblingscharakter!
Vielleicht liegt es daran, dass mir bei meiner Tätigkeit als Privatbiograf immer ein Auftraggeber im Nacken sitzt, der die Richtung der Geschichte vorgibt. Beim Schreiben eines Romans bin ich der Herr des Geschehens. Ohne Ausnahme!
Was die Veröffentlichungsmöglichkeit dieses Romans angeht und nur für den Fall, dass hier ein Verleger/eine Verlegerin mitlesen sollte: Wenn man den Gerüchten glauben kann, müsste es diesmal eigentlich klappen. Wie die meisten „veröffentlichten“ Autoren habe ich zwei vollendete Manuskripte in der Schublade. Bei beiden bin ich heute froh, dass sie damals niemand herausbringen wollte. Auch das sagen fast alle Schriftsteller, deren Werke heute in den Buchhandlungen liegen. Also, liebe Verleger, das ist eure Chance ...
Entgiftung
Freitag, 22. Januar 2010
Was an mir zwei Monate vollständig vorbeigeht, ist der ständige Strom völlig unwichtiger Nachrichten. Das Geschwätz der Politiker, das Geschnatter all der wichtigen, weil Meinung machenden Menschen, die hohlen Kommentare vermeintlicher Geistesgrößen.
Zwei Monate habe ich viel Zeit. Zeit zu lesen zum Beispiel. Wunderbare Bücher wie „Jugendroman“ von Gerhard Henschel oder „Groschenroman“ von Martin Keune (darüber bald mehr).
Und ich gewinne die für das Schreiben so wichtige Klarheit in den Gedanken. In Deutschland gelingt es mir nie, mich so auf meine Arbeit zu fokussieren wie hier. Das liegt nicht nur an der fehlenden Ablenkung durch die ständigen Zwischenrufe von Medien, sondern vor allem an der Entgiftung meiner Gedanken von all dem Müll, an den ich sie sonst verschwende.
Übrigens: Wenn ich in ein paar Wochen wieder in Deutschland bin und das erste Mal die Tagesschau sehe, wird es mir vorkommen, als hätte ich den Fernseher erst abends zuvor nach den Tagesthemen ausgemacht. Ich werde allen Meldungen mühelos folgen können, denn wie den vergangenen Jahren, wird auch diesen zwei Monaten nichts Gravierendes passiert sein, dass die Welt- oder nur die Nachrichtenlage dramatisch verändert hätte.
Ich werde nichts verpasst haben. Manchmal erschrecke ich vor allem darüber, dass mir das nur so wenige Menschen glauben.
Besser lesen
Freitag, 15. Januar 2010
Wie jeder Vielleser empfehle ich Freunden Bücher, die mir gefallen haben. Manchmal schreibe ich darüber auch in diesem Blog. Meine Literaturempfehlungen sind weit davon entfernt, fundierte Rezensionen zu sein. Ich bin kein Literaturkritiker und das nicht nur deshalb, weil ich grundsätzlich nur Bücher zur Lektüre vorschlage und keine Verrisse abliefere. Die Literaturkritik ist ein eigenes Genre, das ich nicht beherrsche.
Kurz vor meiner Abreise nach Bali fragte eine Kollegin, ob ich bereit wäre, einer der Testleser ihres neuen Romans zu sein. Ich sagte gerne zu, obwohl der Verlag drängelt und das Manuskript bis Ende Januar eingereicht werden muss. Ich war noch niemals Testleser und freute mich auf diese Erfahrung.
So sitze ich jetzt in Ubud im Bali Buddha Café in einer möglichst ruhigen Ecke unter einem Ventilator und lese. Wenn ich leise meine Kommentare in das Diktiergerät spreche, ziehe ich die neugierigen Blicke der anderen Gäste auf mich. Ich bin etwa bei der Hälfte des Manuskripts angekommen und mache eine interessante Erfahrung. Ich lese anders als gewöhnlich. Normalerweise bin ich ein schneller Leser. Mich interessieren der Plot und die Art, wie er erzählt wird. Wenn mich ein Buch fesselt, übersehe ich gerne mal das eine oder andere Detail. Das macht nichts, denn Bücher, die mich bei der ersten Lektüre fasziniert haben, nehme ich auch noch ein zweites oder drittes Mal zur Hand. Dann gibt es wenigstens immer noch etwas Neues zu entdecken.
Seit ich mit dem Testlesen begonnen habe, lässt mich ein anderer Gedanke nicht los. Ich kann - zumindest theoretisch - auf das endgültige Werk Einfluss nehmen. Das ist eine völlig neue Situation. Bisher habe ich allenfalls dem Autor einige neue Leser gebracht. Jetzt erwartet die Autorin Hinweise auf Unstimmigkeiten, Löcher im Plot, ungenaue Charakterisierungen ... Alleine diese Fragen schärfen meine Sinne. Ich achte auf Details und merke, wie mir die Romanfiguren viel näher kommen, als bei „normaler“ Lektüre. Vielleicht ist es eine gute Idee, sich bei jedem Buch vorzustellen, man sei der Testleser des Autors, der wichtige Hinweise erwartet, bevor er das Manuskript endgültig beim Verlag abgibt. Ich würde dann weniger, weil langsamer lesen. Aber vielleicht mit mehr Genuss. Außerdem würden meine Buchempfehlungen genauer.
Ist das Jahr eigentlich noch jung genug für Vorsätze?
Tempo ohne Hast
Montag, 11. Januar 2010
Sind die Rolltreppen ein Abbild der allgemeinen Entwicklung? Ist es nicht so, dass Asien Europa auf immer mehr Feldern abhängt? Im ökonomischen Sektor ohnehin. Vielleicht aber auch bald auf kulturellem Gebiet. An Pianisten, Geiger und Sänger aus dem Fernen Osten haben wir uns längst gewöhnt. Inzwischen engagieren asiatische Städteplaner höchstens aus Prestigegründen europäische oder amerikanische Architekten - bald wird auch das der Vergangenheit angehören. Nur asiatische Literatur fristet in Europa noch ein Schattendasein. Zu fremd ist uns die dort beschriebene Lebenswirklichkeit. Dafür finden Bollywoodschinken längst ihr Publikum außerhalb Indiens.
Andererseits könnte Bangkok auch ein Synonym für Stillstand sein - zumindest was den Individualverkehr angeht. In der Rushhour ist die ganze Stadt ein einziger, gigantischer Parkplatz. Dafür sind die neuen öffentlichen Verkehrsmittel, die vor zehn Jahren noch fast leer und gespenstig über Stelzen und durch Tunnel glitten heute pickepacke voll. Ständig wird das Netz durch neue Strecken erweitert. Asiaten haben nicht nur flotte Rolltreppen, sie lernen auch schnell.
Bei aller Geschwindigkeit beeindruckt am meisten die Gelassenheit. Man bewegt sich zügig, aber nicht hektisch. Bei allem Tempo gibt es keine Hast. Nirgendwo wird auf der Straße so viel geredet und kommuniziert wie auf den Bürgersteigen asiatischer Metropolen. In Bangkok wird außerdem noch viel gelacht und gegessen. Ein Thai isst entweder gerade oder er redet darüber, was er als nächste essen wird. Vielleicht ist diese Besonnenheit und fast kontemplative innere Ruhe das größte, menschliche Pfund, mit dem Asien wuchern kann. Dann wäre es auch zu unserem Nutzen.
Von der Freiheit des Feelancers
Dienstag, 5. Januar 2010
Jetzt sorgen sich wieder viele Leute um mich. Wie jedes Jahr Anfang Januar, wenn ich die Koffer packe. Dabei beunruhigt sie weniger, dass ich kaum Kleidung sondern vor allem Bücher einpacke, die zudem als Urlaubslektüre so völlig unpassend zu sein scheinen. Nein, es geht um die Tatsache an sich. Niemand kann sich anscheinend vorstellen, dass man als freier Autor zwei Monate im Ausland leben kann, ohne dem Bankrott gefährlich nahe zu kommen. Dabei zweifeln nicht nur die Festangestellten, sondern auch viele Freiberufler um uns herum Jahr für Jahr an unserem Verstand. Andere sind sich sicher, dass wir eine große Erbschaft gemacht haben, die wir jetzt verprassen. Weit gefehlt, das Ganze ist viel profaner. Seit nunmehr fünf Jahren verlegen meine Frau und ich jedes Jahr von Mitte Januar bis Mitte März unseren Lebens- und Arbeitsmittelpunkt in unsere zweite Heimat: die indonesische Insel Bali. Und das aus guten Gründen:
- Wir sind bekennende Winterhasser. Tagestemperaturen unter 20 Grad Celsius sind uns ein Gräuel.
- Wir lieben Bali, seit wir 1990 die Insel das erste Mal besuchten. Wo auch immer uns unsere Südostasienreisen in den folgenden Jahren hinführten, ein kurzer Abstecher nach Bali musste immer sein. Inzwischen haben wir einen eigenständigen, sehr bunten weil internationalen Freundeskreis auf der Insel. Sie ist tatsächlich nicht mehr Ferienziel, sondern wir fühlen uns dort zuhause.
- Ich kann überall auf der Welt arbeiten, wo es eine einigermaßen schnelle Internetverbindung gibt. Auf Bali ist das sogenannte Breitbandinternet zwar immer noch meilenweit von DSL entfernt, aber es reicht aus. In all den Jahren habe ich dank E-Mail und Skype noch nie Probleme gehabt, mit Auftraggebern und Interessenten Kontakt zu halten. Allenfalls wundern sie sich darüber, dass ich von einem Tag auf den anderen zum Nachtarbeiter geworden bin. Die Zeitverschiebung von sieben Stunden macht es möglich. Durch den zweimonatigen Auslandsaufenthalt habe ich noch keinen einzigen Auftrag verloren, im Gegenteil. Es haben sich neue Kontakte ergeben.
- Der jährliche Wechsel in eine völlig andere, fremde Kultur schärft die Sinne. Spätestens nach zwei oder drei Wochen merke ich, wie gut das meinem Schreiben bekommt.
- Die jährliche Winterflucht kostet viel weniger als eine Urlaubsreise. Die Lebenshaltungskosten auf Bali sind deutlich niedriger als in Deutschland. Die Ausgaben für die Unterkunft werden durch die Einsparungen (Heizung, Strom, Wasser, Zeitung ...) kompensiert. Das gilt natürlich nur, wenn man nicht im Hotel wohnt, sondern wie wir eine Wohnung mietet. Nicht am Meer, sondern im Landesinneren. Aber wir gehen ja auch nicht in die Ferien! Zu Buche schlägt letztendlich nur der Flug, den wir aber schon so frühzeitig buchen, dass er günstig - in diesem Jahr sogar sensationell billig ist.
Morgen geht es los und diesmal leisten wir uns auf der Anreise sogar drei Ferientage und legen einen Stop in Bangkok ein.
Den nächsten Blogbeitrag schreibe ich also an einem Schreibtisch im Freien bei angenehmen 28 Grad im Schatten. Allen Daheimgebliebenen wünsche ich schönes Frieren.
Wir amüsieren uns dumm
Montag, 4. Januar 2010
Wenn am 7. März in Los Angeles die Oscars verliehen werden, wird vielleicht ein Film ausgezeichnet, den man Deutschland bis dahin nicht sehen konnte - und ohne Oscarprämierung wohl auch nie sehen wird: „Precious“. Dabei hat das Drama von Regisseur Lee Daniels über eine schwarze, analphabetische, vom Vater geschwängerte und von der Mutter misshandelte, dicke 16-jährige einige bedeutende Kritiker- und Zuschauerpreise abgeräumt. Einen deutschen Verleiher hat der Streifen trotzdem noch nicht gefunden. Warum sich niemand an diesen mit Stars besetzten und in den USA außerordentlich erfolgreichen Film herantraut, erklärt ein Filmverleih ganz unumwunden (nachzulesen im Südkurier):
„An den traut sich in Deutschland schon seit einem Jahr keiner ran.“ Gefragt sei im Moment nur Gute-Laune-Kino. „Das gilt vor allem für die kleinen Programmkinos, die sich an ein anspruchsvolleres Publikum richten. Die spielen nur noch Wohlfühl-Filme, französische Komödien oder hochkarätige deutsche Produktionen. Sobald eine Geschichte den Stempel ‚Sozialdrama‘ hat, lässt jeder, der Geld verdienen will, lieber die Finger davon.“
Und zu allem Übel ist die Protagonistin des Films dann auch noch schwarz. Der Südkurier zitiert einen Kino-Insider dazu: „Wenn Will Smith oder Denzel Washington mitspielen, ist es kein Problem. Aber bei allem anderen wird es schwierig. Die Kinobetreiber wollen solche Filme nicht spielen, weil sie Angst vor leeren Sälen haben. Gerade in der Provinz trifft man da ziemlich oft auf Rassismus. Dass man kein Interesse an ‚Brikett‘-Filmen habe, musste ich leider schon öfter hören.“
Not, Armut, Elend ... Im Kino wollen wir nichts davon sehen. So amüsieren wir uns denn langsam blöde. Wenigstens den Trailer kann jeder auch in Deutschland sehen:
Lust und Last der Recherche
Samstag, 2. Januar 2010
Seit ein paar Tagen recherchiere ich intensiv für eine Kriminalgeschichte, die ich in den kommenden zwei Monaten auf Bali schreiben will. Der grobe Plot steht, es geht jetzt um Details und genau die machen Arbeit, denn die Handlung spielt in der NS-Zeit. Hier geht manchmal der Historiker mit mir durch und ich beiße mich stundenlang an Kleinigkeiten fest. Dabei fällt mir auf, wie sehr sich die Recherchearbeit in den letzten Jahren verändert hat. Früher - und das ist noch gar nicht lange her - bestand sie fast ausschließlich aus dem Studium von Sekundärliteratur und schriftlichen Quellen. Allenfalls nutzte man noch Fotografien. Jetzt bietet das Internet nahezu unbegrenzte Möglichkeiten für zeithistorische Nachforschungen. Ich liebe vor allem Zeitzeugenberichte, die man mit ein paar Mausklicks zu fast jedem Thema findet. Historisches Filmmaterial, Fernsehdokumentationen, Interviews. Gerade die bewegten Bilder setzen meine Fantasie in Gang - und führen im schlimmsten Fall in eine Endlos-Recherche-Spirale. Du hörst den Bericht eines Zeitzeugen über ein Ereignis, das in deiner Geschichte eine Rolle spielen wird. Der Zeitzeuge berichtet von einem dir bisher unbekannten Detail. Stimmt das, was er da erzählt? Du beginnst zu recherchieren und findest eine ganz andere Darstellung. Also suchst du weiter und weiter ...
Gestern Abend war ich an so einem Punkt angelangt. Ich drohte meine Geschichte vor lauter Fakten aus den Augen zu verlieren, bis ich mir klarmachte: Du willst keine wissenschaftliche Abhandlung schreiben, sondern eine Geschichte erzählen. Du behauptest nicht, dass sich alles, was du schreibst, exakt so zugetragen hat, sondern nur, dass die Ereignisse so hätten geschehen können.
Ich darf schreiben, auch wenn ich nicht über das letzte Faktum Gewissheit habe. Darin liegt der Vorteil des Schriftstellers gegenüber dem Wissenschaftler. Obwohl: Vielleicht ist das gar kein Vorteil, denn ich bin mir nicht sicher, wer die größere Verantwortung trägt.
Silvesterkonzert
Donnerstag, 31. Dezember 2009
Nun saß er also auf dem abonnierten Platz 11 in der vierten Reihe, rechts neben ihm seine Frau Doris. Sie hatte sich wie immer in ein schlichtes, schwarzes Kostüm und eine Wolke von Chanel Nr. 19 gehüllt. Gathmann hatte es nach 32 Ehejahren aufgegeben, sie zu einem sparsameren Gebrauch des Parfums zu animieren, auch wenn ihm immer noch leicht übel wurde, wenn ihm der süßliche Geruch in die Nase stieg.
Links von ihm, auf Sitz 10, würde gleich Frau Dr. Stegemann Platz nehmen, eine 76-jährige Wittwe, die ihren Doktortitel in 52 Ehejahren mit einem Gastroentorologen erworben hatte. Sie kam stets erst unmittelbar vor Beginn des Konzerts und musste dann ihren in den Jahren aus der Form geratenen Körper an neun Menschen vorbeischieben.
„Schau mal, sieht er nicht süß aus?“ Doris hielt ihm das Programmheft vors Gesicht. Auf dem Foto lächelte ein kaum zwanzig Jahre alter, nachlässig gekleideter Mann asiatischer Herkunft lasziv in die Kamera. Die Bildunterschrift bezeichnete ihn als „Jahrhundergenie“, dessen „Virtuosität an diejenige seines großen Vorbildes Brahms heranreiche“.
Das kann ja heiter werden, dachte Gathmann, als er eine Bewegung neben sich spürte. Er drehte sich zur Seite, um Frau Dr. Stegemann einen guten Abend zu wünsche und blickte in die strahlend blauen Augen einer jungen Frau. Er war derart überrascht, dass ihm ein zwar leises, aber deutlich vernehmliches „oh“ entfuhr.
Die junge Dame lächelte ihn an und sagte: „Es hat mich einige Überredungskunst gekostet, bis Oma mir ihre Konzertkarte überließ. Aber beide Klavierkonzerte von Brahms an einem Abend ...“
Gathmann lächelte zurück und deutete eine kleine Verbeugung an.
In diesem Moment wurden die Scheinwerfer im Zuschauerraum gedimmt. Im Schutze des nur noch schwachen Lichtes wagte Gathmann, seine Nachbarin näher zu betrachten. Frau Dr. Stegemanns Enkelin war allenfalls 20 Jahre alt. Ihre blonden, leicht gewellten Haare, hatte sie zu einem Zopf gebunden und anschließend hochgesteckt. Lediglich eine vorwitzige Strähne fiel über einen schön geformten Nacken. Das schwarze, körperbetonte Etuikleid endete deutlich über dem Knie und Gathmann hätte sicherlich länger auf die in schwarzen Nylons steckenden Beine geschaut, wäre nicht in diesem Moment das Wunderkind auf die Bühne getreten, was von seiner Nachbarin mit frenetischem Beifall und lauten „Bravo“-Rufen begleitet wurde.
Der erste Satz begann mit einem grollenden Orgelpunkt in den Bässen und einem auf- und abschwellenden Paukenwirbel, ehe die Streicher einsetzten und das Motiv aufnahmen. Gathmanns junge Nachbarin hatte sich leicht nach vorne gebeugt, die Unterarme auf die Knie gestützt blickte sie mit leicht geöffneten Lippen auf die Bühne. Als hätte sie gemerkt, dass ihr Sitznachbar sie beobachtet, flüsterte sie: „Passen Sie auf, jetzt gleich ....“
Der Pianist hatte die Hände drohend über die Tasten des schwarzen Flügels erhoben. Gathmann wusste, dass es nur noch wenige Sekunden dauern würde, ehe er die Drohung in die Tat umsetzte. In typisch Brahmscher Manier würde er die Zuhörer zunächst in die Irre führen. Ganz Piano würde er beginnen, fast wie ein Ländler würde es klingen. Wenn die Zuschauer entspannt lauschten, würde das Drama beginnen. Wieso war Brahms nur auf die Idee gekommen, dass die musikalische Aufarbeitung seiner gescheiterten und psychopathischen Liebesbeziehung zu Clara Schumann irgendjemanden interessierte? Wenigstens war dieses Konzert nicht so lang wie das zweite, das nach der Pause folgen würde. Aber da er nun schon einmal hier saß, würde Gathmann die Zeit nutzen und eine Strategie für die erste Aufsichtsratssitzung des neuen Jahres entwerfen. Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn er Eggersheim nicht vor die Wand laufen lassen könnte.
Durch eine Bewegung zu seiner Linken wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Frau Dr. Stegemanns hübsche Enkelin nestelte ein Taschentuch aus einer winzigen Tasche, tupfte sich die Augen ab und blickte ihm dann direkt ins Gesicht. Sie weinte. Geräuschlos formte ihr Mund einige Worte, die Gathmann, der nie besonders gut im Lippenlesen war, als „ist es nicht wunderbar“ zu verstehen glaubte. Er setzte ein Lächeln auf und nickte.
Auf der Bühne spielte sich der wegen der körperlichen Schwerstarbeit, die Brahmsche Kompositionen einem Musiker abverlangen, schon deutlich transpirierende Pianist in Extase. Gathmann lehnte sich zurück, um die junge Frau besser betrachten zu können, ohne von ihr bei diesen voyeuristischen Blicken ertappt zu werden. Was für eine aufregende Schönheit.
Das Konzert hatte seinen dritten Satz erreicht und steigerte sich immer mehr in sein kraftvolles, furioses Thema hinein. Die Musik perlte wegen der optischen Genüsse an Gathmann geradezu ab. Sie war nur ein weicher Geräuschteppich, auf dem er sich seinen Fantastereien hingeben konnte. Derart in Gedanken vertieft, registrierte er erst mit Verspätung, dass seine junge Sitznachbarin ihre Hand auf seine gelegt hatte. Dabei hob sie den Kopf und flüsterte ihm ins Ohr: „Erotischer können Töne nicht sein.“ Sie verweilte noch einen winzigen Augenblick in dieser Stellung, den Mund fast an Gathmanns Wange. Wie gerne hätter er sie geküsst. Stattdessen tätschelte er die Hand der jungen Frau, bis er sich bewusst wurde, dass dieses eher eine großväterliche denn sinnliche Geste war. Anscheinend störte sie sich aber nicht daran, denn sie beließ ihre Hand auf seiner, bis sie am Ende des dritten Satzes zu einem stürmischen Applaus ansetzte. Auf der Bühne wischte sich der Pianist mit einem riesigen weissen Handtuch den Schweiß von der Stirn und ging nach mehr als zehn Verbeugungen zur Pause ab.
„Ist es nicht hinreißend?“, fragte die junge Frau und erhob sich schwungvoll aus ihrem Sitz. „Niemand hat Liebe und Schmerz jemals besser in Töne gegossen als Brahms.“
Gathmann suchte krampfhaft nach einer halbwegs intelligenten Antwort – ihm fiel aber nichts anderes ein als: „Brahms ist einfach das größte Genie der Musikgeschichte.“ Kaum hatte er den Satz ausgesprochen, fürchtete er, vielleicht zu dick aufgetragen zu haben. Um zu einem unverfänglicheren Thema zu kommen und das Gespräch nicht abreißen zu lassen, sagte er: „Wenn wir schon Brahms miteinander genießen dürfen, sollten wir dann nicht wenigstens wissen, mit wem wir es zu tun haben? Mein Name ist Gathmann, Hans Gathmann.“
„Freut mich“, antwortete die junge Frau mt ihrer hellen, klaren Stimme. "Ich heiße Eva, Eva Stegemann.“
„Die Freude ist ganz auf meiner Seite“, sülzte Gathmann. „Darf ich sie auf ein Glas Champagner einladen? Schließlich müssen wir uns ja für weitere unvergessliche fünfzig Minuten Musikgenuss stärken.“
Gathmann hatte den Satz noch nicht ganz ausgesprochen, als er einen kräftigen Griff an seinem Ellbogen spürte. „Hans, willst du mich deiner neuen Sitznachbarin nicht vorstellen?“ Doris drängte sich an ihm vorbei, hackte sich bei Eva Stegemann unter und zog sie von ihrem Mann weg.
„Kommen Sie“, sagte Doris, „lassen Sie uns ein bisschen plaudern. Mein Mann ist ein Musikbanause. Außerdem hasst er Brahms. Kaum zu glauben oder?“
In diesem Moment wusste Gathmann, dass nach der Pause seine Frau zwischen ihm und Eva sitzen würde. Blieben ihm also fünfzig Minuten Zeit, Eggersheims Entlassung vorzubereiten.
Sprachverwirrung
Montag, 28. Dezember 2009
E ? ? ? NB ? IN.
„Elfenbein“, sagte ich so beiläufig wie möglich, um nicht allzu besserwisserisch zu klingen.
“Das ist doch kein richtiges Wort“, antwortete sie entrüstet. „Das Bein einer Elfe! So ein Unsinn!“
Begegnung
Sonntag, 27. Dezember 2009
Als Hans und Annette in Donaueschingen ausstiegen, umarmten wir uns und versprachen, in Kontakt zu bleiben.
Das Nomadenleben kann wunderschön sein - vorausgesetzt, man erkennt die Chance, die in jeder zufälligen Begegnung verborgen sein kann.
Darauf mehr zu achten, wäre ein guter Vorsatz für das neue Jahr. Wenn ich noch Vorsätze fassen würde.
Weihnachtsnomaden
Montag, 21. Dezember 2009
Als ob das ganze Weihnachtsgedöns
in unseren Städten nicht schon genug wäre, hielt mir gerade
beim Versuch, durch die von gestressten Weihnachtseinkäufern
überfüllte Fußgängerzone zu flanieren, ein im
Weihnachtsmannkostüm steckender TV-Reporter ein Mikro vor die
Nase:
„Sagen Sie mal, was bedeutet Ihnen
eigentlich Weihnachten?“
Erwartete der Mann darauf eine ehrliche
Antwort? Ich überlegte einen Moment. Sollte ich irgendetwas von
„RuheFriedenFamilie“ faseln? Ich entschied mich für die
Wahrheit:
„Was ich von Weihnachten
erwarte, spielt seit Langem keine Rolle mehr. Seit ich der Kindheit
entwachsen bin, wird nur etwas von mir erwartet.“
Kaum hatte ich die beiden Sätze
ausgesprochen, drückte der Rotgewandete an seinen Knöpfen
herum. Vermutlich löschte er mein Statement umgehend. Wer will
denn so etwas auch hören, zur schönen Weihnachtszeit?
Dabei gehöre ich keiner Minderheit
an. Vielmehr bin ich einer von hunderttausenden Weihnachtsnomaden,
die Jahr für Jahr größte Strapazen auf sich nehmen,
nur um die Erwartungen anderer zu erfüllen.
Sie meinen, ich übertreibe?
Beileibe nicht! Hier mein Feiertagsfahrplan:
Am 23. Dezember setze ich mich um 08:38 in den Zug und fahre 750 Kilometer gen Norden. Wenn alles gut geht – und bei der Bahn geht an den Feiertagen selten alles gut – erreiche ich um 17:50 die münsterländische Kleinstadt, in der ich geboren und aufgewachsen bin und wo meine Mutter sowie die Patchworkkinder und -enkel leben. Anschließend gibt es die Geschenke für die Enkel, denn der Weihnachtsmann kommt immer schon einen Tag früher an den Bodensee – ganz Deutschland an einem Tag, wer schafft das schon! Danach gibt es die traditionelle Feuerzangenbowle, während der Baum geschmückt wird.
Am 24. Dezember bleibt nicht wirklich Zeit, um auszuschlafen, denn spätestens mittags geht der Stress dann richtig los: Meine Mutter erwartet meine Frau und mich zum traditionellen schlesischen Mahl mit Weihnachtswurst und Pfannenklößen. Danach Friedhofsbesuch und anschließend bereiten wir den Tisch für das morgige große Familienfestmahl. Dann werde ich als Chauffeur tätig und bringe Mutter und ihre 90-jährige Schwester zur Kirche. („Nein Mutter, ich werde auch dieses Jahr keinen Weihnachtsgottesdienst besuchen!“) Nach einem kurzen Cappucino-Zwischenstopp bei Patchworktochter I hole ich die beiden Damen wieder ab. Gemeinsam fahren wir zu Patchworktochter II zum Festmahl unterm Tannenbaum.
Am 25. Dezember geht die Weihnachtsrallye weiter. Familienmittagessen bei der Mutter („ach Kinder, die Gans ist dieses Jahr ein ganz, ganz zähes Luder“), das nahtlos in die Kaffeetafel übergeht („der Kuchen ist mir auch schon mal besser gelungen“). Gegen halb fünf kommt der tränenreiche Abschied. („Müsst ihr denn wirklich schon gehen? Wir haben uns doch noch gar nicht richtig unterhalten können!“) Wenigstens einen einzigen nichtfamiliären Besuch bei Freunden möchten wir noch machen – wenn es auch nur für eine Tasse Kaffee und ein Stück Torte reicht, denn spätestens gegen sieben Uhr sollten wir wieder bei Patchworktochter II am Abendbrottisch sitzen.
Am 26.12. steigen wir um 10:13 in den Zug und fahren 750 Kilometer gen Norden. Wenn alles gut geht – ach ja, das hatten wir ja schon! Gegen 19 Uhr sind wir hoffentlich wieder daheim.
Weihnachten bedeutet für uns seit
vielen Jahren zuallererst 1.500 Kilometer oder 18 Stunden Bahnfahrt
in völlig überfüllten Zügen mit dreimaligem
Umsteigen auf kalten, zugigen Bahnhöfen. Da bleibt jedes
weihnachtliche Gefühl auf der Strecke.
Was also sind unsere Erwartungen an
Weihnachten: Wir wünschen uns vor allem, dass die Deutsche Bahn
es dieses Jahr schafft, uns ohne größere Verspätungen
und Zwischenfälle, mit funktionierenden Platzreservierungen, in
beheizten Waggons mit unverschlossenen Toiletten durch Deutschland zu
kutschieren.
In diesem Sinne: Frohe Weihnachten allerseits!
Advent
Freitag, 18. Dezember 2009
Irgendwo musste es einen Fahrplan geben. Bergengrün sah sich um und entdeckte ihn direkt oberhalb der Sitzbank. Er wollte gerade einen Schritt darauf zu machen, als die Frau in die zwischen ihren Beinen stehende Handtasche griff und eine Zigarettenpackung herausholte. Sie schüttelte eine Zigarette heraus und hielt dann die Schachtel dem Mann neben ihr direkt vor das Gesicht. „Hier, nimm auch eine. Vielleicht beruhigt dich das.“
Der Mann rührte sich nicht, sondern stierte weiterhin ausdruckslos auf das Pflaster. Kopfschüttelnd steckte die Frau die Zigarettenpackung in die Tasche, nestelte umständlich ein Feuerzeug heraus und zündete sich die Zigarette an. Sie nahm einen tiefen Zug und stieß den Rauch mit einem Seufzer aus.
Bergengrün fühlte sich mehr und mehr unwohl, aber er musste wissen, wann der nächste Bus käme. Als er einen Meter von der Bank entfernt war, noch näher wollte er den beiden Sitzenden auf keinen Fall kommen, konnte er die sehr klein geschriebenen Abfahrtszeiten immer noch nicht entziffern. Er beugte den Oberkörper vor und rückte die Brille zurecht.
„Na, wohin soll es denn gehen?“, fragte die Frau mit einer tiefen, leicht brüchigen Stimme.
"In die Stadt." Bergengrün wandte den Kopf nach unten und schaute direkt in den großzügig geschnittenen T-Shirt-Ausschnitt, über dem der fleckige Mantel aufgesprungen war. Als wollte die Frau ihn von einem allzulangen und intensiven Blick auf ihre Brüste abhalten, atmete sie aus und blies ihm Zigarettenrauch mitten ins Gesicht. Bergengrün, der empfindlich auf Nikotindämpfe reagierte, blinzelte und wandte den Kopf ruckartig zur Seite. Im gleichen Augenblick schlug die Frau die Beine übereinander. Dabei berührte sie mit ihrem rechten Fuß Bergengrüns linkes Knie. Der geriet daraufhin ins Straucheln. Nur dank eines beherzten Schritts nach vorne konnte er sich mit der linken Hand – die rechte trug seinen Aktenkoffer – an der Wand des Wartehäuschens abstützen.
„Hoppla“, sagte die Frau und lachte.
Bergengrün stieß sich mit der Hand von der Wand ab und richtete sich auf. Dabei berührte er mit dem linken Bein die Hand des Mannes, die immer noch die Bierflasche festhielt.
Der Mann löste den Blick vom Pflaster und sah Bergengrün mit glasigen Augen ins Gesicht.
„Hey, was willst du?“
„Entschuldigung“, entgegnete Bergengrün.
Die Frau beugte sich vor und legte dem Mann die Hand auf den Unterarm. „Alles klar, Ben.“ Anschließend richtete sie sich auf und strich mit der linken Hand eine verirrte Strähne ihres dichten, scharzen Haares aus dem Gesicht. Bergengrün war berührt von dieser Geste. Wann hatte er zuletzt etwas Perfekteres und Ästhetischeres gesehen? Er folgte mit den Augen der Hand der Frau, die sich in einer ovalen, schwungvollen und fließenden Bewegung von ihrer Wange wegbewegte und schließlich auf dem Oberschenkel zur Ruhe kam. Bergengrün konnte den Blick nicht von der auf der schwarzen Hose fast durchscheinend hell wirkenden Hand lassen.
Die Frau hustete kurz und sagte dann: „Die Neun kommt in zwei Minuten.“
Bergengrün schaute auf und blickte direkt in große, braune Augen.
„Wie bitte?“ stammelte er.
Die Frau lächelte, nahm einen Zug aus der Zigarette ohne den Blick von ihm abzuwenden.
„Sie fahren nicht oft mit dem Bus, oder?“
Bergengrün wich mit den Augen nicht einen Zentimeter zur Seite. „Nein, eigentlich nie. Nur heute, weil mein Auto in der Werkstatt ist.“
„Ach so“, sagte die Frau immer noch lächelnd.
Während Bergengrün überlegte, wie er das Gespräch fortsetzen sollte, richtete sich der Mann, den die Frau Ben genannt hatte, auf und blickte nach links.
„Da kommt Ihr Bus“, sagte er und nahm anschließend einen großen Schluck aus der Bierflasche.
Er hatte die Flasche kaum abgesetzt, als sich die Türen des Busses mit einem lauten Zischen öffneten. Niemand stieg aus und auch Ben und seine Begleitung machten keine Anstalten aufzustehen.
„Dann will ich mal“, sagte Bergengrün und schaffte es nur mit Mühe, den Blick von der Frau zu lösen. Sie schloss für eine Sekunde die Augen, öffnete sie wieder und nickte Bergengrün zu. „Schönen Tag noch“, sagte sie.
Als Bergengrün im Bus stand und seine Geldbörse aus der Innentasche seines Jacketts nahm, hörte er die Stimme des Mannes. „Hast du noch eine Zigarette, Anja? Jetzt nehm ich eine“. Die Antwort der Frau ging im Geräusch der sich schließenden Bustür unter.
Bis Weihnachten fuhr Bergengrün täglich mit dem Bus zur Arbeit. Jeden Morgen verließ er mit klopfendem Herzen das Haus. Jeden Morgen wurde er enttäuscht, denn immer saß Ben alleine an der Bushaltestelle. Ohne Anja.
Zum ersten Mal seit 16 Jahren verzichtete Bergengrün am 24. Dezember auf seinen weihnachtlichen Besuch in Don Alfredos Trattoria. Stattdessen kaufte er eine Kiste Bier und ging zum Buswartehäuschen am Grünbergring. Ben wartete schon.

