Auch nach all den Jahren bin ich immer noch nervös, wenn ich mit der Arbeit an einer neuen Biografie beginne. Heute Morgen war es wieder soweit. Der Erzähler wohnt vor Ort, so hatte ich den Vorteil, den Tag wie gewohnt und in Ruhe anzugehen. Ungewöhnlich, denn normalerweise leben meine Auftraggeberinnen und Auftraggeber weit entfernt in Deutschland, Österreich oder der Schweiz und ich reise schon am Tag zuvor an. Heute also kein Hotelfrühstück und die gewohnte Tageszeitungslektüre. Und dennoch war es kein gewöhnlicher Morgen. Spannung lag in der Luft. Mit den biografischen Interviews beginnt jedes Mal auch eine Reise ins Ungewisse. Ich kenne den Erzähler nur von einem Vorgespräch. Er ist Jahrgang 1920, hat den Krieg vom ersten bis zum letzten Tag durchlitten, stammt aus Dresden und hat ein erfolgreiches Unternehmen aufgebaut. Viel mehr weiß ich nicht.
In den kommenden Tagen wird er mich teilhaben lassen an seinen Lebenserinnerungen. Ich weiß nicht, ob es ihm leicht fallen wird, sich zu erinnern. Gibt es tief verschlossene Traumata? Verschüttete und vergrabene Erinnerungen? Fast immer gibt es sie. Vielleicht werde ich der erste sein, der davon erfährt, obwohl er an diesem Morgen noch fest entschlossen war, darüber zu schweigen. Oft erzählen Menschen ihrem persönlichen Biografen mehr, als sie sich vorgenommen hatten. Zumindest dann, wenn sie davon überzeugt sind, dass ihre Erinnerungen bei mir gut aufgehoben sind.
Ist es da ein Wunder, dass ich vor jedem Interview aufgeregt bin? Nein! Es ist gut, denn es macht mich wach und aufmerksam. Und zugewandt.