Vorwärts und nicht vergessen
Sonntag, 1. November 2009
Sehr geehrte Frau Honecker,
lange haben wir nichts mehr von Ihnen gehört. Vor ein paar Tagen noch fragte ich meine Frau: „Sag mal, lebt eigentlich die Margot Honecker noch?“ Meine Frau wusste es auch nicht. Jetzt haben Sie sich zurückgemeldet. Mit einem Video über eine Geburtstagsfeier der DDR. Eine lustige Feier war das da im fernen Chile. Mit einem fröhlichen Liedchen zu Anfang. Und dann haben Sie geredet. Immer noch aufrecht stehend mit fester Stimme. Sie sehen gut aus für Ihre 82 Jahre, Frau Honecker. Anscheinend lässt es sich in Chile gut leben mit den 1500 Euro Rente, die Ihnen der verhasste bourgeoise Staat zahlt, den sie dann auch gehörig anprangern.
Ich habe mir Ihre Rede angehört, Frau Honecker und wissen Sie was? Wenn ich etwas zu sagen hätte in unserem Land, würde ich Sie zu einer Vortragsreise einladen. Ich würde Ihnen die Anreise bezahlen, würde Hotels und Vortragsräume in allen deutschen Großstädten für Sie buchen, sogar einen Privatfahrer sollen Sie haben. Dann dürfen Sie jeden Abend reden: über die Errungenschaften der DDR, über das Glück, in der DDR gelebt zu haben, über den Klassenfeind und über das Unglück, das mit dem Fall des antifaschistischen Schutzwalls über die Menschen in der DDR gekommen ist. Sie dürfen über alles sprechen, Frau Honecker. Ohne Ausnahme. Und wenn Sie nach Ihrer Rede erschöpft ins Hotel zurückkommen, steht dort eine Flasche Rotkäppchen Sekt.
Und wissen Sie was, Frau Honecker, ich weiß auch schon, unter welchen Titel wir Ihre Vortragsreise stellen. Wir nehmen einfach die ersten Worte des Refrains von Hans Eislers Solidaritätslied, das Sie auf der kleinen, intimen DDR-Geburtstagsfeier in Chile gesungen haben:
„Vorwärts und nicht vergessen!“
Denn gegen das Vergessen ist Ihre Rede die beste Medizin, Frau Honecker. Wenn man Sie so hört, dann erinnert man sich sofort wieder an Stasispitzel, Schießbefehl und sozialistische Brüderküsse.
In diesem Sinne, Frau Honecker, grüßt Sie aus der fernen Heimat
Max Büdenbender
P.S. Wenn Sie nach dem letzten Auftritt wieder in Ihr Hotel kommen, Frau Honecker, dann wird an der Flasche Rotkäppchen Sekt ein Briefumschlag lehnen, darin Ihr Rückflügticket nach Chile. Oneway.

